Der Barbier von Treblinka

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Leider gestaltet sich mein Leben zusehends als ein Schattenreich voller Unkenntnis und Desinteresse an Historie und Politik.

Gestern Nacht musste ich an „Bomba“ denken, jenen Barbier von Treblinka. Leider stirbt die Generation mit der ich mich über so eine Person und die zeitgeschichtlichen Hintergründe austauschen kann allmählich aus. Mein Vater wird 80. Jahre, Claude Lanzmann wird 90. Jahre.

Was sind das für Menschen denen zu Giordano Bruno, Baruch Spinoza und Oskar Panizza nichts ausser einem Schulterzucken einfällt? Eine Generation, die es nicht einmal mehr schafft einen grammatikalisch und in der Rechtschreibung korrekten deutschen Satz zu formulieren. Oder wenigstens eins von beiden.

„…

Warum der Friseursalon? Die gleichen Gesten, dachte ich, könnten eine Stütze sein, eine Krücke für die Gefühle, und sie würden ihm vielleicht die Arbeit an den Worten, die Demonstration erleichtern, die er vor der Kamera würde vollbringen müssen. Natürlich waren es nicht dieselben Gesten; ein Friseursalon ist keine Gaskammer; so zu tun, als schnitte man einem einzelnen Mann die Haare, hat nichts mit dem zu tun, was ich in den amerikanischen Bergen von ihm gehört hatte: Nackt, zu Tode erschrocken von den Peitschenhieben der ukrainischen Wachen, kamen die jüdischen Frauen, jeweils siebzig pro Schub, in die Gaskammer, wo siebzehn ausgebildete Friseure auf sie warteten, sie auf zu diesem Zweck bereitgestellten Holzbänken Platz nehmen ließen und ihnen mit vier Scherenschnitten all ihr Haar abschnitten. Als ich Abraham während des Drehens bitte, diese Gesten zu wiederholen, packt er den Kopf seines Freundes, seines angeblichen Kunden, und zeigt, wie und mit welcher Schnelligkeit er vorging, indem er den Kopf hin- und herdreht: „Man schnitt so, hier …und da … diese Seite … diese Seite, and it was all finished.“ Zwei Minuten pro Frau, nicht mehr. Ohne die Schere wäre die Szene hundertmal weniger suggestiv, hundertmal weniger stark gewesen. Aber vielleicht hätte sie nicht einmal stattfinden können: Die Schere macht es möglich, dass er seinen Bericht veranschaulichen und zugleich fortsetzen, wieder Atem und Kraft schöpfen kann, so unmöglich und verzehrend ist es, was er zu sagen hat.

Diese lange Sequenz zerfällt in zwei Teile: Am Anfang seines Berichts ist Abrahams Ton neutral, objektiv, unbeteiligt, als ginge ihn alles, was er erzählen muss, nichts an, als könnte sich das Grauen ohne seine Beteiligung herstellen, beinahe harmonisch. Meine Fragen machen es ihm unmöglich, so weiterzumachen, wie er gern wollte, sie sind zunächst topographischer Natur, fordern räumliche und zeitliche Präzisierungen. Ich stelle eine ganz unpassende, absurde Frage: „Gab es Spiegel in der Gaskammer?“, obwohl ich genau weiß – ich habe die Gaskammern in Auschwitz und in Majdanek gesehen -, dass die Wände kahl waren. Der Friseursalon hingegen, wo wir drehen, ist ganz mit Spiegeln verkleidet, die Bewegungen werden bis ins Unendliche reflektiert. Solche Fragen ermöglichen eine präzise Rekonstruktion der Orte und Situationen, aber sie erlauben mir auch, mich an die schwierigste Frage heranzuwagen, die den zweiten Teil der Sequenz eröffnet: „Was haben Sie empfunden, als Sie zum ersten Mal all diese nackten Frauen und Kinder in die Gaskammer strömen sahen?“

Abraham weicht aus, sagt etwas anderes, das Gespräch geht weiter mit anderen Erklärungen zum Haarschneiden, das die Frauen in ihren letzten Lebensmomenten täuschen soll, indem es sie glauben macht, da Kamm und Schere, keine Haarschneidemaschinen verwendet werden, dass es sich um einen normalen Haarschnitt handelt, wie ihn Herrenfriseure eben machen. Irgendetwas in Bombas Gesicht, im Klang seiner Stimme, in den Pausen zwischen seinen Worten warnte mich in diesem Moment. Die Spannung im Raum stieg greifbar an, ich wusste nicht, was und wann, ich war nicht sicher, aber ich hatte das Gefühl, dass etwas Wesentliches geschehen würde, geschehen konnte.

Ich stand direkt hinter dem Kameramann und konnte auf dem Zähler der Kamera ablesen, wie viele Minuten unbelichteter Film noch übrig waren: fünf Minuten. Das ist viel oder wenig, ich gehorchte einer jähen Intuition und sagte leise zu Chapuis: „Wir unterbrechen und wechseln das Magazin jetzt schon.“ Bei der 16-Millimeter-Kamera, die wir verwendeten, braucht man alle elf Minuten ein neues Magazin. Neue Magazine lagen bereit, das Auswechseln ging blitzschnell, und wir setzten das Gespräch fort, als hätte es keine Unterbrechung gegeben, Bomba merkte es nicht. Nach einer Weile stellte ich die Frage noch einmal, der er ausgewichen war. Diesmal war die Antwort großartig und erschütternd, er wich nicht aus: „Ach, wissen Sie, dort ein Gefühl zu haben war viel zu schmerzlich … Stellen Sie sich vor, Tag und Nacht zwischen Toten zu arbeiten, zwischen Leichen, das Gefühl stirbt ab … das Gefühl ist tot, man fühlt überhaupt nichts mehr.“ Dann setzte er hinzu: „Ich erzähle Ihnen etwas, das passiert ist, während ich in der Gaskammer arbeitete, als Frauen aus meiner Heimatstadt ankamen, die ich kannte, die mich kannten …“ Nun wurde dieser für Gefühle Gestorbene mit solcher Gewalt von Gefühlen überschwemmt, dass er nicht weiterreden konnte, er machte eine kleine Handbewegung, die die Sinnlosigkeit und die Unmöglichkeit, weiterzuerzählen, ausdrückte und zugleich, was dasselbe ist, die Unmöglichkeit, die Vergeblichkeit jedes Versuchs, zu verstehen.

Die Szene ist berühmt, Abraham wischt mit einem Zipfel des Handtuchs seine Tränen weg, mauert sich in Schweigen ein, wobei er immer weiter mit der Schere in der Hand den Kopf seines Freundes umkreist, und während er neue Kraft zu schöpfen versucht, indem er leise Jiddisch mit ihm spricht, entspinnt sich zwischen ihm und mir der Dialog zweier Flehender, er drängt mich aufzuhören, ich rede ihm brüderlich zu, weiterzumachen, weil es für mich um unsere gemeinsame Aufgabe, unser beider Pflicht geht. All das geschah, als in der Kamera kein Film mehr gewesen wäre, wenn ich nicht das Magazin hätte wechseln lassen. Das wäre ein unersetzlicher Verlust gewesen, denn ich hätte Bomba niemals bitten können, wie man das bei einer Theaterprobe kann, noch einmal zu weinen. Die Kamera ist weitergelaufen, Abrahams Tränen waren für mich so kostbar wie Blut, das Siegel, die Verkörperung des Wahren.

Manche haben in dieser riskanten Szene einen Ausdruck von Sadismus bei mir gesehen, während sie für mich im Gegenteil ein Musterbeispiel für die Achtung ist, die keineswegs darin besteht, sich angesichts des Schmerzes auf Zehenspitzen zu entfernen, sondern die zuallererst dem kategorischen Imperativ gehorcht, nach der Wahrheit zu suchen und sie weiterzugeben. Nach dem Drehen umarmte mich Bomba lange und noch länger, nachdem er den Film gesehen hatte: Wir verbrachten in Paris ein paar gemeinsame Tage, er wusste, dass er als unvergesslicher Held in Erinnerung bleiben würde.“