Am vergangenen Wochenende hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, einer Diskussion um das Tempolimit beizuwohnen. Es ist erstaunlich mit welchen Argumenten der ungehemmten Raserei gefrönt wird. Dies insbesondere von jungen Menschen, die eigentlich schon mal daran gedacht haben sollten, dass ihr Leben statistisch noch ganz ganz viele Jahrzehnte dauern soll. Und es auch Menschen gibt, die auf Inseln nur deshalb absaufen, weil Madame oder Monsieur meinen beliebig viel CO2 in die Atmosphäre pusten zu dürfen. Nennt sich soweit ich weiß: Egoismus! Klimaegoismus!
Die für meine Begriffe bislang beste Zusammenfassung die ich gelesen habe steht hier:
Warum ein Tempolimit fällig ist
Auszüge daraus:
„…
Die Geschichte der Tempolimits in Deutschland zeigt, dass es keine Frage der Ideologie ist, sondern damals wie heute eine Frage der Vernunft. Auch wenn Verkehrsminister Scheuer – indirekt – die ganze übrige Welt für unvernünftig erklärt, weil sie das Tempo begrenzt.
Man muss schon eine starke Abneigung gegen Statistiken haben oder sie prinzipiell allein zum Anlass nehmen, sie mit hergesuchten, geänderten Randbedingungen für ungültig zu erklären, wenn man die Fakten abstreitet. Eine Autobahn-Strecke zwischen Hamburg und Berlin – bis dahin ohne Tempolimit – wurde im Jahr 2003 auf maximal 130 Stundenkilometer begrenzt. Ergebnis: In den drei Jahren von 2004 bis 2006 gab es auf dem Abschnitt nur noch halb so viele Unfälle wie im Zeitraum 2000 bis 2002. Okay, die Anzahl der Unfälle auf deutschen Autobahnen ging im Vergleich dieser Jahre auch insgesamt ein wenig zurück, aber lediglich um gut sechs Prozent. Die Forscher, die die Unfallzahlen analysiert und verglichen haben, gehen davon aus, dass der Rückgang der Crashs zu 26 Prozent auf das Tempolimit zurückzuführen ist. Das heißt, sie haben nicht pauschal interpretiert, sondern einschlägige Randbedingungen berücksichtigt. So oder so handelt es sich um einen himmelschreienden Unterschied.
…
Und es geht dabei nicht nur um Blechschäden. Was Leib und Leben angeht, war der Rückgang mindestens genauso bedeutsam: 1850 Menschen wurden auf jenem Streckenabschnitt im Siebenjahreszeitraum vor Tempo 130 verletzt, in den sieben Jahren danach waren es nur noch 799 (Tote: 38 zu 19!). Wohlgemerkt handelt es sich bei der 62 Kilometer langen Etappe auf der A24 zwischen den Dreiecken Wittstock und Havelland um eine extrem flache Topografie mit sehr weiten Kurvenradien – mithin um eine Strecke, die vorher zu Tempo 250 oder mehr einlud. Und die Untersuchungen in Brandenburg sind nicht die einzigen einschlägigen. Erhebungen in Nordrhein-Westfalen kamen zu einem ähnlichen Ergebnis.
…
Ein Tempolimit wäre nur dann unstatthaft, wenn es die Allgemeinheit in ihrem Fortkommen signifikant beeinträchtigen würde. Das ist nicht der Fall: Die Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt bei einer allgemeinen Begrenzung nur minimal. Von 142 (sechsspurig) und 137 (vierspurig) auf 132 bzw. 127 bei einer Begrenzung auf 130 Stundenkilometer. Dies zeigt auch: Die unsägliche allgemeine Nerverei auf der Autobahn wird von nur wenigen Autofahrern verursacht – trifft aber alle. Diese Zahlen stammen ebenfalls aus der zitierten Studie aus Brandenburg.
…
Es hilft alles nichts: Auch bei noch so ausflüchtenden Forderungen nach besseren Straßen, mehr Spuren, weniger Baustellen, mehr Autobahnen, weniger Kurven, mehr Platz – der immer dichtere Verkehr auf allen Spuren: mehr LKWs, mehr Pendler, mehr Amazon-Paketboten, er wird über kurz oder lang ein Tempolimit unumgänglich werden lassen. Auch der Hinweis auf die Nachteile für die deutsche Autoindustrie – der allein hinter Verkehrsminister Scheuers Appell an die rasende „Vernunft“ steht – wird sich auf die Dauer schon gar nicht halten lassen. Irgendetwas kann an dem Argument sowieso nicht stimmen, wenn Sportwagen aus dem tempobegrenzten Italien schließlich besonders beliebt sind. Und, Andreas Scheuer, aufgepasst, apropos Vernunft: Soll es wirklich vernünftig sein, wenn in unserem Land, das so sehr von seinem Einfallsreichtum, von zukunftsweisenden Erfindungen, von seiner Ingenieurskunst, von seiner Infrastruktur abhängt, dass in so einem Land die Zukunft an einer hundertjährigen Verkehrstechnik, aufgepeppt mit neuartiger Tonnenideologie hängt? Dass wir immer mehr Zweieinhalbtonner mit 350 oder 500 PS aus Ingolstadt, Schwabing oder Zuffenhausen mit 250 Sachen über die Autobahn jagen, allesamt Fünfsitzer, in denen meist nur ein einziger Mensch sitzt, eingepanzert? Ist es das? „