Schulmedizin Homöopathie ein Interview

Wer sich für die Themen Medizin allgemein, Schulmedizin, Homöopathie, TCM, Osteopathie etc. wirklich interessiert, dem sei ein aufschlussreiches Interview mit Prof. Ernst ans Herz gelegt, der viele interessante Einblicke gewährt:

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SPIEGEL: „Wer heilt, hat recht“, heißt es.

Ernst: Nur hat mein Homöopath mich eben nicht geheilt! Mein Körper hat sich selbst geheilt. Das hatte mit den Kügelchen nichts zu tun. Viele Krankheiten, vor allem die leichteren, heilen mit der Zeit von selbst wieder aus.

SPIEGEL: Das wissen Sie heute…

Ernst: … richtig. Und ich gebe zu, dass es bis zu dieser Erkenntnis etwas gedauert hat. Meine erste Stelle als Arzt hatte ich im Krankenhaus für Naturheilweisen in München, damals die einzige homöopathisch geführte Klinik in Deutschland. Da verstärkte sich mein Eindruck, dass es Patienten dank der Globuli bessergeht. Im Studium hatte ich Medizin gelernt, aber nicht, kritisch zu denken. Erst, als ich Anfang 1980 eine Forschungsstelle in London annahm und Wissenschaftler wurde, habe ich mir das allmählich angeeignet.

SPIEGEL: Sie haben später als Professor für Komplementärmedizin viele alternative Methoden streng wissenschaftlich untersucht. Welche Erkenntnisse haben Sie über die Homöopathie gewonnen?

Ernst: Der Homöopath versucht, Mittel zu finden, die auf die Gesamtsymptomatik des Patienten passen. Homöopathen fragen Sie Dinge, die Sie noch nie gefragt worden sind. Das dauert lange, ist sehr einfühlsam – und genau das ist der Trick: Das Anamnesegespräch ist eine Art amateurhafte Psychotherapie. Die Menschen fühlen sich verstanden, und schon dadurch geht es ihnen besser. Heute besteht überhaupt kein Zweifel: Neben dem Placeboeffekt der Globuli und dem natürlichen Heilungsprozess ist der Kontakt mit dem empathischen Arzt das entscheidende Therapeutikum der Homöopathen.

 

SPIEGEL: Und die Globuli wirken nicht?

Ernst: Da ist nichts drin, was Heilung bewirken könnte! Ein Grundprinzip der Homöopathie ist es, den Wirkstoff extrem zu verdünnen. Der Lehre zufolge verstärkt er dadurch seine Kraft, deshalb nennt man das „Potenzieren“. Wird der Wirkstoff 1 zu 10 mit Wasser verdünnt, handelt es sich um eine D-Potenz, bei 1 zu 100 um eine C1-Potenz. Die noch einmal 1 zu 100 verdünnt ergibt eine C2 – und so geht das weiter bis zu C30 oder sogar C300 und mehr. Ab C12 ist praktisch kein Wirkstoff mehr nachweisbar. Genauer gesagt: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich auch nur ein einziges Molekül der Ausgangssubstanz in dem Medikament befindet, geht gegen null.

SPIEGEL: Einige Homöopathen vertreten die Theorie, dass der Wirkstoff das Wasser beeinflusst.

Ernst: Soll heißen, dass Wasser sozusagen ein Gedächtnis habe, indem sekundäre chemische Strukturen entstehen? Vielleicht gibt es die sogar, aber die halten sich höchstens für Nanosekunden. Zudem fehlt ein plausibler Wirkmechanismus für Effekte auf unsere Gesundheit.

SPIEGEL: Obwohl das Prinzip der Homöopathie den Naturgesetzen widerspricht, hat man ihre Wirkung an Patienten wissenschaftlich gründlich untersucht. Was kam dabei heraus?

Ernst: Es gibt inzwischen etwa 200 klinische Studien zur Homöopathie, die den Standards der evidenzbasierten Medizin so einigermaßen entsprechen: Patienten mit den gleichen Beschwerden wurden einer Behandlung zugelost und entweder mit Homöopathie oder mit einem Placebomedikament behandelt. Die besten dieser Studien zeigen: Die Kügelchen wirken nicht besser als Placebos. Es existieren natürlich auch einige Studien mit positivem Ergebnis. Aber das ist statistisch gesehen nicht überraschend: Die Zufallswahrscheinlichkeit beträgt bei solchen Studien immer fünf Prozent.

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