Wie angekündigt hier noch Informationen zum Treffen am letzten Wochenende mit Onkel Manfred, Onkel Klaus, den Ehepartnern und meinen Eltern.
Mein Urgroßvater war zunächst Bahnhofsvorsteher in Wielun. Ab wann genau ist mir nicht bekannt, aber Wielun lag bis zum Kriegsbeginn 20 km hinter der polnischen Grenze. Insofern war es dann irgendwann nach Kriegsbeginn, also nach dem September 1939. Diese Stadt wurde bei Kriegsbeginn als erste polnische Stadt bombardiert, insofern begann der zweite Weltkrieg faktisch dort. Wielun liegt 100 Kilometer östlich von Breslau.
https://www.zeit.de/2003/07/A-Wielun/komplettansicht
Später ist mein Urgroßvater dann von dort nach Rshew versetzt worden. Den eigentlichen Aufenthalt dort kann man zeitlich eingrenzen. Am 22. Juni 1941 begann das Unternehmen Barbarossa, also der Überfall auf Russland. Im Oktober 1941 war dann auch Rshew erobert worden. Rshew selbst liegt 180 Kilometer westlich von Moskau. Strategisch existierte dort eine Art Frontvorsprung, nachdem Moskau nicht erobert werden konnte und ein partieller Rückzug im Winter 1941/42 stattfand. Rshew war somit auch die Endstation aller möglichen Zugverbindungen von Deutschland aus. Also kein Eisenbahnknotenpunkt im eigentlich Sinn, weil von dort aus kein Verbindung mehr weiter in den Osten oder Norden führte.
Im März 1943 zog sich die Wehrmacht in die sog. Büffelstellung zurück. Die Räumung begann am 01. März 1943 und war am 21. März beendet. Der maximale Aufenthalt war somit 18 Monate.
Quellen:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/41/Map_Soviet_1941_Winter_counteroffensive.jpg
https://www.spiegel.de/geschichte/ostfront-a-946488.html
https://dewiki.de/Lexikon/Schlacht_von_Rschew
Was noch zu erwähnen ist: Mein Urgroßvater trug die Bezeichnung „Sonderführer O“. Es ging hierbei darum, zivile Kenntnisse von bestimmten Personen, die eigentlich keine millitärische Ausbildung genossen haben zu nutzen. Also z.B. auch Bahnbeamte mit Kenntnissen im Eisenbahnwesen. Sonderführer O ist dem Dienstrang nach ein Oberfeldwebel in der Heeres Hierarchie. Nach dem Wehrgesetz war der Sonderführer ein Soldat. Mann nannte diese auch „Schmalspuroffiziere“, weil die eigentliche millitärische Ausbildung nicht gegeben war.
Noch eine Amerkung zu der Theorie, mein Urgroßvater hätte sich bei Rshew „abgesetzt“ und sei dort geblieben, hätte sich dort eine neue Existenz aufgebaut etc.: nach dem Quellenstudium halte ich eine derartige Option für nahezu ausgeschlossen. Tief im Feindesland als Deutscher als der er sicherlich eindeutig zu identifizieren gewesen wäre, mittel- bis langfristig zu im Nichts zu überleben, wie hätte das funktionieren sollen? Von ursprünglich 56000 Einwohnern wohnten nach der Rückeroberung durch die Rote Armee dort noch 150 Bewohner. Im Umfeld noch weitere 200 Menschen. Es war also komplett entvölkert. Auf russischer Seite sind bei der Schlacht von Ryshew bis zu 1,5 Millionen Menschen umgekommen, auf deutscher Seite ca. 160000 Tote und ca. 35000 Vermisste.