Osama Bin Laden: Anmerkungen zum Tod

Man muss nicht mit Trauerflor die Tage durch die Straßen marschieren, um eine nicht gerechtfertigte Sympathie mit Osama Bin Laden auszudrücken. Kaum jemand mit funktionierenden (christlichen) Wertekoordinaten wird den Tod von ihm generell bedauern.

Was jedoch stark verwundert ist, wie Menschen sich Meinungen durch mediale Streuung zu eigen machen ohne zu berücksichtigen, dass die Wahrheit stets mehrere Facetten hat.

Immer wieder wird das Argument angeführt, wenn Bin Laden gefangen genommen worden wäre, so wäre eine direkte Folge gewesen, dass unzählige Versuche vermutlich unternommen worden wären, ihn frei zu pressen.

Wir erinnern uns kurz:

Die USA nahmen nach dem 9/11 2001 mehrere hundert hochgradig des Terrors Verdächtigte fest und verbrachten sie nach Guantanamo. Es mmuss sich also um Personen hohen Ranges im Terrornetzwerk Al Qaida oder anderer Netzwerke handeln und nicht bloß um Küchenhilfen.

Ich möchte gar nicht auf die Rechtswidrigkeit von Guantanamo detaillierter eingehen, es geht hier um eine andere Frage.

Wieviele Versuche gab es in den letzten 10 Jahren von Al Qaida oder anderen Organisationen Gefangene in Guantanamo freizupressen?

Genau richtig, gar keine :!:.

Also: warum sollte dies bei Osama Bin Laden anders sein?

Warum den Aufwand betreiben, einen alten nierenkranken Mann zu befreien? Der ganze Zug des Terrors zeigt, dass er auf ganz andern Gleisen fährt. Es geht stets um Anschläge im Westen, um uns in Angst und Schrecken zu versetzten und ggf. möglichst viele Opfer zu verursachen.

Genau hier stellt sich die Frage, ob sich Extremisten nicht durch diese Ermordung viel leichter motivieren und verführen lassen als durch die Durchsetzung unserer westlichen Werte, die auf Rechtsstaatlichkeit basieren. Sprich einer möglichen Festnahme und einem klaren Prozess mit Urteil. Wer ist der Herr über Leben und Tod? Der amerikanische Präsident als gottgleicher Weltenherrscher?

Nun noch zur theologischen Dimension. Letztlich ist es die Frage eines Tyrannenmordes, die geschichtlich schon seit Hitler nicht nur Theologen umtreibt. Dietrich Bonhoeffer hat sich mit dieser Frage gequält.

„…Zur Begründung seiner Teilnahme am Widerstand konnte er sich natürlich nie direkt äußern, aber in seiner Ethik finden sich Passagen, in denen man spürt, wie er mit der Frage ringt, wie und ob man als Christ angesichts eines Unrechts- und Gewaltregimes dem Schuldigwerden überhaupt entgehen kann. Kirche muss – so Bonhoeffer – in manchen Fällen auch bereit sein, Schuld auf sich zu nehmen, um schlimmere Schuld zu vermeiden. Zu einem verantwortlichen Leben als Christ gehört die Bereitschaft, in Grenzsituationen Schuld auf sich zu nehmen, sich für andere schuldig zu machen (DBW 6, S. 275ff.). Bonhoeffer hat also sein Mitwissen, seine Teilnahme an der Planung des Tyrannenmordes nie ge- rechtfertigt. Auch der Tyrannenmord bleibt ein Mord und damit Schuld vor Gott. Aber auch der macht sich schuldig, der dem Treiben des Tyrannen nichts entgegensetzt und der sich nicht für das Leben der Opfer einsetzt. Es gibt also Situationen, in denen wir nur zwischen Schuld und Schuld wählen können und auf einen gnädigen Gott hoffen können.

Ein Mitgefangener hat Bonhoeffer mal gefragt, wie er als Pfarrer an der Verschwörung teilnehmen konnte und Bonhoeffer habe darauf geantwortet – so erzählt es sein Freund E. Bethge: »Wenn ein Wahnsinniger auf dem Kurfürstendamm sein Auto über den Gehweg steuert, so kann ich als Pastor nicht nur die Toten beerdigen und die Angehörigen trösten; ich muß hinzuspringen und den Fahrer vom Steuer reißen …« (E. Bethge, Biographie, 7. Auflage S. 955) …“

Und noch ein zweiter lesenwerter Aufsatz in Auszügen:

„…Das Handlungsprinzip, Gewalt und Opfer jetzt in Kauf zu nehmen, um noch größere Gewalt und noch mehr Opfer dermaleinst zu verhindern, hat viele Vorbilder in der Geschichte.

Der NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) brachte seine Rechtfertigung einer eventuellen Ermordung Hitlers auf die Formel, man müsse „dem Rad in die Speichen fallen“. Daraus ist später, beeindruckt vom mutigen Lebensweg des späteren Märtyrers, eine generelle Rechtfertigung des Tyrannenmordes „à la Bonhoeffer“ abgeleitet worden.

Wenig bekannt ist, dass Bonhoeffer, der sich dem Widerstandskreis des 20. Juli anschloss, selbst sehr lange mit sich gerungen hat, ob das Attentat zu rechtfertigen sei. Er selbst war schließlich dazu bereit. Zuvor wollte Bonhoeffer jedoch aus der Kirche austreten. Diese scheinbar bizarre Absicht zeigt: Bonhoeffer war klar, dass sich auch ein Hitlerattentäter schuldig machen würde und dass es keine logisch saubere Rechnung geben könne, wie der Einzelne als Tyrannenmörder zu rechtfertigen sei.

Dennoch war Bonhoeffer davon überzeugt, dass im Falle Hitlers ein Heraushalten aus politischen Konflikten größere Schuld nach sich ziehen würde, als politischen Widerstand zu leisten. Damit stand er im Gegensatz zur großen Mehrheit in den Kirchen damals. Denn selbst Theologen, denen der unheilvolle Weg Hitlers klar und deutlich vor Augen stand, fühlten sich dem Gehorsamsgebot aus dem 13. Kapitel des Römerbriefes verpflichtet: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet.“ Das Neue Testament kennt neben dieser Obrigkeitshörigkeit auch das Lob des Leidens und Erleidens. Jesus predigt die Feindesliebe: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“

Viele haben diese Unterwürfigkeit, Wehrlosigkeit und Leidenssehnsucht als masochistisch und pervers gebrandmarkt. Andere Deutungsmuster und Argumentationsketten haben sie abgelöst – auch auf christlicher Seite. Immer noch aber sind diese im realen Alltag sperrigen, ja widersinnig erscheinenden Überlegungen eine entscheidende Basis für alle Bremsmechanismen in der Spirale der Gewalteskalation, die wir jetzt erleben. Wenn hingegen die Vermeidung eigener Opfer und eigener Verluste den absolut höchsten Stellenwert für das eigene Handeln hat, dann wird der Stellenwert fremder Opfer und fremder Verluste immer gering veranschlagt werden. …“

Schreibe einen Kommentar