Hier noch zwei lesenswerte Artikel zum Tod von Theo Angelopoulos aus der Zeit und der FAZ.
Am Freitag den 03.02.2012 veranstaltet das Familienoberhaupt zur Eröffnung der Geburtstagsfeierlichkeiten einen DVD Gedächtnisabend. Es ergeht recht herzliche Einladung.
Bevor der Film „Die Ewigkeit und ein Tag“ aufgeführt wird, führt der Autor dieser Zeilen in einem ca. 30-minütigen Referat in das Leben und Werk von Theo Angelopoulos ein.
„Ein irrer Cut für den Meister der Langsamkeit. Für den Zelebrator des minutenlangen 360-Grad-Schwenks, für den Weltmeister der langen Plansequenz. Kam nicht sein vorletzter Film Die Erde weint mit sagenhaften 340 Einstellungen in 170 Minuten aus? Man raunt sich jetzt diese Zahlen zu, unter Eingeweihten, die diesem Solitär der Filmgeschichte bis zum Ende die Treue hielten. Man erinnert sich, angesichts seiner majestätisch anhebenden und verebbenden Bildsinfonien, an Trancezustände vor der Riesenleinwand, wie es sie vorher ähnlich nur bei Tarkowski und Antonioni gab. Und heute allenfalls noch, und was für ein Glück, bei Sokurow. Ins Kino gehen wie in einen Zwischenzustand zwischen Tod und Leben, zu Hause sein bei Leuten, die von eben diesen Zwischenzuständen zu wissen scheinen.
Die Helden des Theo Angelopoulos sind Verlorene, von Anfang an. Sie kehren zurück von weither, aus fremden Kontinenten und nach Jahrzehnten, in etwas, das ihre Heimat war, und sie gehören nicht mehr dazu. Aber haben sie jemals irgendwo dazugehört? Schon in seinem Erstling Rekonstruktion, den Angelopoulos erst mit knapp 40 Jahren drehte, kehrt ein Mann zurück, aber seine Frau Eleni heißt sie wie die Heldin seiner letzten, nun unvollendet bleibenden Trilogie liebt einen anderen. Es endet schlimm. Immer endet es schlimm für die verstörend verstörten Figuren der Angelopoulos-Filme, ob sie von eigener Hand umkommen oder auch nicht. Und wenn es nicht tödlich ausgeht, so geht es hinaus ins kalte, neblige, weltenendenah verregnete Offene. …“
„…Das filmische Markenzeichen von Angelopoulos, sein Mittel, entfernte Zeiten und Figuren zusammenzubringen, war die Plansequenz: eine lange Kamerabewegung ohne Schnitt. Zusammen mit seinem Kameramann Giorgos Arvanitis machte er daraus ein Präzisionsinstrument des filmischen Blicks. Die Choreographien des Erzählens, die die beiden gemeinsam entwarfen, sind in ihrer Art unübertroffen. So entstanden einige der schönsten Bilder des europäischen Kinos im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert: die Leninstatue, die auf einem Flussdampfer vorbeizieht, während am Ufer die Menschen auf die Knie fallen, in Der Blick des Odysseus; die marmorne Riesenhand, die in Der zögernde Schritt des Storches aus dem Meer gezogen wird; der Baum, auf den die Geschwister zugehen, in Landschaft im Nebel; oder Marcello Mastroianni als Imker, der sich auf die Erde legt, um sich von seinen Bienen totstechen zu lassen, in Der Bienenzüchter.
Wenn man an diese Filme denkt, steigen zugleich die wehmütigen Volksmusik-Melodien der Komponistin Eleni Karaindrou aus der Erinnerung auf, der Angelopoulos jahrzehntelang die Treue hielt. Zeit, Raum und Klang verschmolzen in seinen Filmen zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk. …“