Ein interesantes Interview mit einem Neuropsychologen ist bei SPON erschienen. Auszüge:
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KarriereSPIEGEL: Können wir dank kognitiver Reserve künftig alle länger arbeiten?
Meyer: Nein, Unternehmen müssen sich vom Gedanken verabschieden, dass man alle mitziehen kann. Es gibt keine allgemein gültige Regel. Mit zunehmendem Alter geht die Schere innerhalb einer Altersgruppe immer weiter auf. Manche verabschieden sich schon mit Mitte 50 in die mentale Frühpension, die kann man auch nicht mehr zurückholen. Andere blühen mit 65 erst richtig auf und promovieren oder lernen eine neue Sprache.
KarriereSPIEGEL: Es kommt also auch auf die Motivation an?
Meyer: Die Bedeutung von Motivation, Neugier und persönlicher Identifikation mit dem Beruf kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. In unseren Studien zum gesunden Altern hatten wir mit einem 80-Jährigen zu tun, der beim Tempo der Informationsverarbeitung – also einem klassischen Indikator für kognitives Altern – viel besser abschnitt als manche unserer Master-Studierenden. Als Grund dafür gab er an, dass ihn Lernen und Neues immer noch fasziniere. Motivation und ein höheres Selbstwertgefühl können sich unmittelbar positiv auf die kognitiven Leistungen auswirken und damit zur Fitness des Gehirns im Alter beitragen.
KarriereSPIEGEL: Was ist mit einem Gehirntraining – hilft das?
Meyer: Mittlerweile erhärtet sich die Erkenntnis, dass die kommerziellen Gehirnjoggingangebote immer nur bestimmte kognitive Leistungen verbessern. Wer Sudokus trainiert, kann danach besser Sudokus lösen – mehr nicht. Das überträgt sich nicht auf andere kognitive Fähigkeiten wie Gedächtnisleistungen, Problemlösefähigkeiten oder logisches Denken. Viel besser ist es, wenn man sich immer wieder neuen Situationen und Herausforderungen stellt. Das Leben ist das beste Training.
KarriereSPIEGEL: Profitieren Ältere nicht auch stärker von ihrer Erfahrung?
Meyer: Viele Tätigkeiten im beruflichen Alltag erfordern Konzentrations- und Willensstärke und die Fähigkeit, aus vorhandenen Fakten abstrakte Schlüsse ziehen zu können, um möglichst rational und sachlich zu entscheiden. Das alles entspricht jedoch nicht unbedingt den Stärken des Gehirns, das sich in seinen Urteilen oft von Gefühlen, subjektiven Interpretationen und individuellen Erfahrungen leiten lässt. Ältere profitieren von ihren beruflichen Erfahrungen, da ihr Gehirn Parallelen und Vergleiche zu ähnlichen Situationen in der Vergangenheit ziehen kann.
KarriereSPIEGEL: Welche Rolle spielt körperliche Bewegung für gesundes Altern?
Meyer: Das Hirn braucht Sauerstoff und Nährstoffe, dazu ist es auf einen guten Kreislauf angewiesen. Studien zeigen, dass ein Training Einfluss auf die kognitive Fitness im Alter hat. Die beste Prophylaxe ist dabei eine körperliche Betätigung auf moderatem Level, also zum Beispiel Nordic Walking, Radfahren oder Tanzen. Kurz: Alles, was für das Herz gut ist, tut auch dem Gehirn gut. Allerdings sind wir alle Sklaven unserer Gene. Wenn ich eine Veranlagung zu neurodegenerativen Erkrankungen habe, hilft mir das Training nur wenig. Dann bin ich mit Mitte 70 vielleicht körperlich total fit, aber dement.
KarriereSPIEGEL: Das klingt ernüchternd.
Meyer: Ich mag einfach diese Altersverherrlichung nicht. Es hilft doch niemandem, wenn man so tut, als sei das Altern eine tolle Herausforderung, die man mit viel Freude annehmen muss. Das kann vielleicht für eine Minderheit gelten, aber nicht für die Mehrheit der Berufstätigen.“
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