Islam und Islamismus: Henryk M. Broder

Henryk M. Broder kommentiert wie immer scharfzüngig und treffend die akutelle Entwicklung zum sog. Islamischen Staat und bezieht Stellung:

„…Heute frage ich mich, wie kann man „im Namen des Islam“ Verbrechen begehen, die nichts mit dem Islam zu tun haben, die nicht auf den Islam zurückfallen? …

„Glauben Sie mir, die Terroristen sind keine Muslime“, sagte ein junger Mann am Rande einer der Kundgebungen vergangenen Freitag. Woher will er das wissen? Beten sie nicht fünf Mal am Tag? Verneigen sie sich nicht in Richtung Mekka? Essen sie vielleicht Schweinefleisch und spülen den üblen Nachgeschmack mit einer Flasche Jack Daniels runter? Und könnte es sein, dass die Kämpfer des IS sich für die „wahren Muslime“ halten und alle anderen, die nicht in der Lage sind, einem „Ungläubigen“ den Kopf abzuschlagen, für Weicheier, die dasselbe Schicksal verdienen? Hat irgendjemand einen Lackmustest oder eine Urinprobe entwickelt, um „wahre“ von „unwahren“ Muslimen zu unterscheiden?

Wenn der IS nicht islamisch ist, dann war die Inquisition nicht christlich. Dann ließ Tomás de Torquemada nur „im Namen des Christentums“ foltern, während die „wahren Christen“ sich schon auf den nächsten ökumenischen Kirchentag vorbereiteten. Und die Kreuzritter? Das waren die ersten Abenteuerurlauber. All inclusive, sozusagen.

Was mich noch mehr irritiert, liebe Verwandte, ist eine andere Formel, die in den letzten Tagen wie ein Mantra wiederholt wurde. „Der Islam ist perfekt. Nur manche Muslime sind es nicht.“ Ein Satz, der sich weise und konziliant anhört. Kein Mensch ist perfekt, jeder kann sich irren. Der Subtext freilich ist totalitär. So wenig, wie es einen perfekten Menschen geben kann, kann es auch kein perfektes System, keine perfekte Religion geben.

Aber wie viele Christen und Juden versuchen, ihren Glauben heute noch mit Feuer und Schwert durchzusetzen? Wann hat zuletzt ein Jude oder ein Christ sich und andere in die Luft gesprengt, weil irgendein Ungläubiger Jesus oder Moses beleidigt hatte? Wann zuletzt, von Irland abgesehen, sind Katholiken und Protestanten aufeinander losgegangen, wie es Sunniten und Schiiten heute noch tun?

Kann schon sein, dass Islam und Islamismus – zu dem es inzwischen auch einen Komparativ gibt: den radikalen Islamismus – nicht ganz deckungsgleich sind. Aber der Übergang ist fließend. Gehören Hamas, die in Gaza das Sagen hat, und Hisbollah, die im Libanon an der Regierung beteiligt ist, zum Islam-Flügel der Umma, während Boko Haram, al-Qaida, al-Nusra, al-Schabaab, die Sauerland-Gruppe und die beiden nigerianischen Konvertiten, die am 22. Mai 2013 den britischen Soldaten Lee Rigby mitten im Londoner Stadtteil Woolwich buchstäblich zu Tode hackten, eher zum Islamismus neigen? Klar ist nur eines: Sie werden alle vom Islamischen Staat getoppt. Und es wird nicht ewig dauern, bis irgendeine noch radikalere Gruppe den IS toppen wird. …“

Auch noch lesenswert sein Kommentar zu den beiden Imamen, die unlängst Diskussionsrunden bei Hart aber Fair und bei Günther Jauch „bereicherten“:

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article132915361/Jauchs-Zurueckhaltung-war-klug-und-souveraen.html