Henryk M. Broder über den Islam

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Wieder einmal hat Henryk M. Broder in einem Kommentar sein zweitliebstes Thema aufgegriffen.

Auszüge daraus:

„…

Weitere fünf Jahre und zahllose Debatten weiter stellt sich die Lage ganz anders dar. Trotz der Blutbäder in Syrien und im Irak, trotz des Aufstiegs des Islamischen Staates und der Ausrufung eines Kalifats, trotz der zahllosen Anschläge und Selbstmordattentate, die im Namen Allahs und seines Propheten begangen werden, trotz aller Umtriebe einheimischer Salafisten, die ihre Verachtung für die „Ungläubigen“ ganz ungeniert ausleben, trotz alldem nimmt die Bereitschaft, sich mit dem Islam zu arrangieren, nicht ab, sondern zu. Oder gerade deswegen.

Kein Mensch würde es heute riskieren, den Islamverstehern einen „Masochismus“ zu attestieren, der einer Selbstaufgabe nahekommt. Es wird penibel zwischen Islam und Islamismus differenziert, als ob das eine mit dem anderen rein gar nichts zu tun hätte. „Wovor sich die Menschen zu Recht fürchten, ist nicht der Islam, sondern der islamistische Terror“, sagt Wolfgang Schäuble. Woher will der Finanzminister das wissen? Hat er bei Allensbach eine repräsentative Umfrage in Auftrag gegeben? Oder gar selbst in Neukölln recherchiert? Wie viele Moscheen hat er besucht, um beurteilen zu können, welche dem Islam dienen und welche den Islamismus propagieren?

Eine weitgehend säkulare Gesellschaft, in der sogar die Kirchen das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat bejahen und die Intellektuellen nach wie vor der Ansicht sind, Religionen seien „Opium fürs Volk“, hat ihr Herz für das Religiöse entdeckt, allerdings nur für ein Angebot aus dem großen Supermarkt der Religionen – und zwar ausgerechnet das Angebot, das seine Präsenz im öffentlichen Diskurs der Gewaltbereitschaft verdankt, mit der es immer wieder Respekt einfordert. Dies festzustellen, gilt bereits als „islamophob“, ungeachtet der Tatsache, dass es eben keine „Asien-Konferenz“ beim Innenminister gibt und der „Migrationshintergrund“ der Japaner, die in Düsseldorf leben, nicht einmal wahrgenommen wird.

Aber in Sachsen gehen die Uhren anders. Da seien Demonstrationen gegen die Islamisierung sinnlos, denn in dem Freistaat, so heißt es immer, würden nur 4000 Muslime leben, gerade mal ein Promille der Bevölkerung. Diese Argumentation ist, ohne dass es ihren Protagonisten bewusst wäre, wohlwollend rassistisch. Sie unterstellt, dass es auf die Menge ankommt. Ab wann könnte man denn von der Gefahr einer Islamisierung sprechen? Ab 40.000, also einem Prozent? Oder müssten es schon zehn Prozent sein?

Dabei kommt es auf die Zahl, wenn überhaupt, zuletzt an. Entscheidend ist nicht einmal das Verhalten der Minderheit, sondern die Haltung der Mehrheitsgesellschaft. Wenn über die Umwidmung von Kirchen in Moscheen geredet wird, wenn Weihnachtsmärkte in Wintermärkte umbenannt werden, wenn ahnungslose Ignoranten sich dafür starkmachen, dass in den Weihnachtsgottesdiensten muslimische Lieder gesungen werden, wenn die Generalsekretärin der SPD den Begriff „Islamischer Staat“ mit einem Bann belegen möchte, weil er die Ehre der Muslime verletzt (der Begriff und nicht das, was der Islamische Staat anstellt), dann kann von der Gefahr einer Islamisierung nicht die Rede sein, dann ist sie bereits in vollem Gange.

Also wird rumgeeiert. Kurz vor Heiligabend gab der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, ein Interview, in dem er auf die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre, antwortete: „Ich kann mir nicht vorstellen, zu sagen: Die Muslime gehören zu Deutschland, aber ihre Religion nicht.“

Nach einer solchen Antwort wäre Matthäus („Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein. Was drüber ist, das ist von Übel“) Amok gelaufen und hätte den Bischof seines Amtes enthoben. Weil aber kein Evangelist eingriff, machte der EKD-Vorsitzende weiter. Er verurteilte die Verbrechen des IS, verwies aber zugleich auf das Gebot der Feindesliebe: „Wenn ein IS-Kämpfer von einer Granate zerfetzt wird, dann ist das Anlass zur Trauer, weil ein Mensch gestorben ist.“ „

Besonders die letzte Aussage von Bedford-Strohm ist schon bemerkenswert. So richtig will ich in den Tenor der Trauer nicht einstimmen. Einfach gedacht: mir ist es lieber, ein solcher Terrorist sieht sich mit seinem selbstgewählten Schicksal konfroniert, als das jener Mensch ein unschuldiges Menschenleben schändet.

Im Gegensatz zu all jenen unschuldigen Opfern der Gewalt solcher Terroristen hatte jener Mensch die Wahl ob er durch das selbst gezogene Schwert umkommen möchte.