Flucht aus Breslau

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Am Samstag den 07.10.2023 waren meine MOM und ich zu Besuch bei dem letzten Teilnehmer der Familienflucht aus Breslau der noch genauere Erinnerungen an das Geschehen hat. Unser Onkel Manfred.

Mit seinen 93 Jahren ist dieser Mann ein lebendes Phänomen und noch heute weiss er so manches Detail aus jener Zeit, was außer ihm wohl niemand mehr kennt. Daher ist ein solcher Besuch immer eine Sternstunde der Geschichte.

So konnte geklärt werden, dass meine MOM mit ihren 16 Monaten wohl schon gehen konnte, wohl aber trotzdem mehrheitlich im mitgeführten Kinderwagen transportiert wurde. Manfred und Klaus hatten je einen Rucksack und auch einen Koffer zu schleppen.

Was nicht mehr rekonstruierbar ist sind genaue Datumsangaben jener Tage.

Was uns neu war ist die Anwesenheit meines Opas Willi aus dem Lazarett in Form eines Heimaturlaubs für einige Tage im Januar 1945 (er wurde im Herbst 1944 in Frankreich beim Rückzug verwundet und ins Lazarett nach Westdeutschland gebracht). Dabei wurde dann auch Joachim aus dem Heim geholt und nur so war es überhaupt möglich in der Konstellation von Ingrid, Joachim, Klaus, Manfred und meiner Oma auf die Flucht zu gehen.

Die Flucht startete in Breslau mit einer Straßenbahnfahrt an das südwestliche Ende, denn der Zug der bestiegen wurde startete in Opperau. Opperau ist ein Vorort von Breslau 6 km südwestlich. Wie weit der Weg von der Endhaltestelle der Straßenbahn zum Bahnhof Opperau ist weiss ich nicht genau, aufgrund des Kartenstudiums

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d3/Wroclaw_Tramwaja_1939.png

gehe ich von 1-2 km aus.

Der Hauptbahnhof von Breslau war der Freiburger Bahnhof und befand sich in der Stadtmitte. Weshalb nun dieser Startpunkt gewählt wurde ist unklar. Entweder hat es mit einer Art Bevorzugung aufgrund der Arbeit meines Urgroßvaters zu tun (war bei der Reichsbahn beschäftigt bevor er eingezogen wurde) oder terminlich bedingt fuhren keine Züge mehr ab dem Hauptbahnhof.

Am 20. Januar rief der Gauleiter Hanke die nicht wehrtaugliche Bevölkerung auf, die zur Festung erklärte Stadt sofort zu verlassen. Es war ein sehr kalter Winter. Breslau war voller Menschen, viele waren während der letzten Wochen aus den Dörfern und Städten rechts des Odertieflandes in Trecks hierher geflohen. Viele aus dem übrigen westlichen Reichsgebiet wohnten bereits seit den letzten Kriegsjahren hier und waren von den Bombenangriffen feindlicher Flugzeuge bisher verschont geblieben. Alle mussten die Festungsstadt kurzfristig räumen. Allerdings war eine Evakuierung der Stadt überhaupt nicht vorbereitet. Schon am ersten Tag herrschte auf den Bahnhöfen Panik. Die Züge konnten die Massen nicht aufnehmen. Gauleiter Hanke ordnete daher den Fußmarsch von Frauen und Kindern nach dem südwestlich gelegenen Umland bei Kostenblut (Kostomloty) und Kanth an. Während der panischen Flucht bei Frost und Schnee kamen Tausende von Kindern und alte Leute um.

Lt. Aussage von Onkel Manfred war der Zugang zum Bahnhof in Opperau beschränkt und es gelang der kleinen Truppe nur weil die Todesanzeigen von Onkel Bernhard und der Mutter (also meiner Urgroßmutter) vorgezeigt wurden.

Das BDM-Mädchen Vera Eckle wurde am 22. Januar zu einem „Versorgungseinsatz“ abkommandiert. Sie konnte noch nicht ahnen, was sie dort erleben sollte. „Ein Schneesturm tobte, der Schnee lag meterhoch, es war eiskalt. Die Kinder hatten mehrere Kleider übereinander angezogen, stolperten hilflos neben ihren Müttern her. Hier eine alte Frau, die kaum atmen konnte, da ein alter Mann auf Krücken, der dauernd ausrutschte, weil es so glatt war. Es war ein fürchterlicher Anblick. Dann schrie der Volkssturmmann: ,Raus, los, runter Mädels, nehmt die Decken mit und sammelt mal die Puppen auf!‘ – ,Welche Puppen denn, was meint der?‘, habe ich mich gefragt. Und in dem Moment bin ich bereits über ein Bündel vor mir gestolpert. Ich habe es aufgehoben und es im selben Moment wieder fallen lassen: ,Um Gottes willen, das sind ja Kinder, Kinderleichen!‘, habe ich geschrieen. Es war das grauenvollste Elend, das ich je in meinem Leben gesehen habe.“

Hier ein Auszug aus einem Zeitzeugenbericht:

Ich denke oft an unsere immer bedrohlicher werdenden letzten Tage in Breslau zwischen dem 8. und 27. Januar 1945 zurück. Ich war wie alle 10-14jährigen beim Jungvolk. Wir hatten unsere Aufgaben. So waren wir, jeweils „einer über 13“, für die einzelnen Häuser als „Feuermelder“ rekrutiert worden. Ich war für unser Haus zuständig. Wir sollten auch in Brandbombentechnik unterwiesen werden. Meine Mutter ließ mich dazu aber nicht aufs Dach hinauf: „Die anderen, die Alten, sind auch gehfähig.“ Vor allem hatten wir uns am Bahnhof um die Flüchtlinge zu kümmern, die von der rechten Oderseite und der polnischen Grenze her in die Stadt drängten. Es herrschte damals bittere Kälte. Ich hatte damals mit ein, zwei anderen eine Nacht Dienstpflicht am Hauptbahnhof von 22 Uhr bis 5 Uhr morgens. Dabei half ich einer Frau mit Kinderwagen über eine Treppe. „Du brauchst gar nicht so vorsichtig sein, Junge“, sagte sie, „das Kind ist schon tot.“ Viele kleine Kinder sind damals erfroren. Ich musste am Ende jener Nacht noch einen Jungen aus einer Erziehungsanstalt, die alle ihre Zöglinge entließ, zu seinen Eltern bringen. Es waren unangenehme Leute. „Ich bringe Ihren Sohn!“ „Was ist los?“ Sie nahmen ihn zu meiner Bestürzung kaum wahr und ich war mir nicht sicher, ob sie ihn überhaupt erkannten oder erkennen wollten. Es war für mich am Ende ein Glück, dass ich den Jungvolkausweis hatte. Denn als wir am 28. Januar, nun zur Flucht entschlossen, auf dem Hauptbahnhof standen, hätte mich sonst eine Wehrmachtsstreife zum Volkssturm mitgenommen, weil sie mich wegen meiner Größe schon für 15 hielten. Das wäre in jenen Tagen fast einem Todesurteil gleichgekommen.

Der Hinweis mit Einzug zum Volkssturm deckt sich exakt mit der immer wieder geäußerten These, dass meine Oma ihren Bruder Manfred entweder aus Instinkt oder Wissen mit auf die Flucht genommen hat und ihn so davor bewahrt hat sinnlos in Breslau als Volkssturm verheizt zu werden.

Soweit ich weiss wurde der Evakuierungsbefehl bei der Flucht mitgeführt und ist im Schatzkästlein von MOM vorhanden. Das Schriftstück war essentiell, denn ohne dieses wäre der Zugang zum Zug nicht möglich gewesen.

Am 22. Januar 1945 lag die Temperatur bei minus 25 Grad Celsius.

Auf dem „Freiburger Bahnhof“, dessen Gleise in den Westen führten, drängten sich am 20. Januar Tausende Menschen. Es kam zu einer Massenpanik. „Der Bahnsteig war kaum zu betreten, weil die Massen sich nur so reinwälzten. Kinder wurden überrollt und zertreten. Ein Eisenbahner erzählte mir: ,Gestern haben sie 24 Kinder hier weggeholt, tote Kinder.‘ Sie waren einfach auf den Treppen zertrampelt worden.

Am 20. Januar 1945 und am darauf folgenden Tag tönte folgende Durchsage aus den öffentlichen Lautsprechersäulen: „Achtung! Achtung! Frauen mit Kindern begeben sich zum Fußmarsch auf die Straße nach Opperau in Richtung Kanth! Sie sammeln sich auf den Plätzen der Südvorstadt.“ Bei 20 Grad unter null, eisigem Wind und hohem Schnee sollten sich tausende Mütter mit Kindern und Säuglingen, mit ihrer letzten Habe, mit Kinderwagen, Handwägelchen, Schlitten, Rucksäcken und ohne Versorgung auf den Weg machen in die kalte Winternacht.

Wenn mann sich die Details vergegenwärtigt müsste man heute posthum meiner Oma ein Denkmal setzen. Sie hat es geschafft meine Mutter vor dem nicht unwahrscheinlichen Kälte- und Hungertod zu bewahren und auch die drei Jungs „unbeschadet“ in den Westen zu bringen. Obwohl es natürlich in jenen Zeiten kein Einzelfall war, ist es für mich persönlich eine der großartigsten Leistungen die ein Mensch aus meiner Familie je vollbracht hat.

Hier noch eine Dokumentation die mehr als eindrücklich die Flucht beleuchtet: