Gestern habe ich die traurige Nachricht erhalten, dass mein Patenonkel verstorben ist. Es geschah an jenem sonnigen ersten Frühjahrstag, an genau so einem Tag hatten wir gedacht um uns noch einmal sehen zu können, dann wenn wir mit dem Rollstuhl im Frühling ins Freie fahren könnten. Dieser Plan ist nun keiner mehr. Der Lauf der Zeit und die Vergänglichkeit des Lebens sind uns zuvor gekommen.
Ich halte inne und denke zurück.
An den 11. Juni 2022, einen Samstag. Damals bin ich mit meinem Vater zusammen zum letzten Zusammentreffen in Kutzenberg gewesen. Wir saßen bei Kaffee und Kuchen in einem Nebenraum. Die Dunkelheit hatte bereits seinen Geist ergriffen, der Blick war für uns ein Rätsel, wir wussten nicht wohin er blickte. Mein Vater mühte sich mit Stichwörtern und Begriffen ein Licht in die Finsternis zu werfen. Aber der unumkehrbare Weg war wohl schon zu tief beschritten. Als wir gingen saß er in seinem Zimmer an seinem Tisch. Vom Fenster war der Blick weit über das ganze Tal. So als wäre diese Weite ein Ersatz für die Enge des inneren Horizontes.
Die Konfirmationsuhr die ich von ihm 1981 erhielt war ein technisches Meisterstück und sehr teuer. Die Uhr hatte eine berührungsempfindliche Fläche unterhalb des Digitalblattes und nicht nur an der Seite Knöpfe wie alle anderen Uhren. Bei meiner ersten Interrail Reise 1988 wurde mir die Uhr am Strand von Casablanca gestohlen.
Die Münzsammlung die ich 2017 erhielt besitze ich noch. Mit großer Akribie hat er diese Sammlung aufgebaut, jede Münze in den Kästen separat beschriftet und ganz genau eine Aufstellung über alle Münzen geführt.
Seine älteste Tochter hat ein Fotobuch erstellt, das sahen wir uns auch beim letzten Besuch in Bad Staffelstein vor 3 Wochen an. Dort gibt es ein Bild vom letzten Ausflug nach Kasendorf, wo er dann die Umgebung für die anderen so beschrieb: „ich zeige Euch mein Land“.
Neben der Ruhestandszeit in Bad Staffelstein war die Zeit in Kasendorf wohl die längste an einem Stück an einem Ort.
Irgendwann in den 80er Jahren ist er einfach so mit dem Fahrrad aufgebrochen und viele Tage unterwegs gewesen. Die Fahrradpacktaschen habe ich dann später geerbt und auf vielen Touren, u.a. dem Donauradweg genutzt. Was mir stets ein Rätsel blieb ist die physische Möglichkeit so ganz ohne Training eine solche Tour bewerkstelligt zu haben. Denn richtig Sport hat er eigentlich nie betrieben.
Dennoch war er bis vor einem Jahr vor seiner Zeit in Kutzenberg immer noch in der Lage lange Spaziergänge zu unternehmen. Einen habe ich gemeinsam mit ihm unternommen, wo wir rund um das Kurgelände marschiert sind, an einem Weiher vorbeikamen und dann wieder zu Hause ankamen.
Die beste Predigt oder sollte ich es Ansprache nennen hörte ich anlässlich des 70. Geburtstages meines Vaters 2005 in Mittelehrenbach. Meisterlich verstand er das Leben meines Vaters mit Bibelinhalten zu verknüpfen.
Bemerkenswert auch, wie er noch im Ruhestand in äußerster Disziplin und Hingabe sich für einen Auftritt in Polen die Sprache aneignete.
In den letzten Lebensjahren machte sich die Demenz immer mehr bemerkbar. Wie der Dichter in dem Meisterwerk von Theo Angelopoulos fehlten ihm immer mehr die Worte. Fast eine Ironie, den sein Leben bestand aus Verkündigung und damit aus Worten.
Ob sein letztes Lebensjahr in Kutzenberg eines voller Leiden war wissen wir nicht. Es ist auch oft so, dass die nächsten Angehörigen die miterleben müssen, wie etwas davonschleicht, wie ein farbiges Bild welches immer mehr ausbleicht und dann grau und konturlos wird, die getroffenen sind.
Mit ihm hat mein Vater seinen treuesten und engsten Studienfreund verloren.
„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde„