Ein freudiges Ereignis, ein trauriges Ereignis. Der 80. Geburtstag meines Vaters und der Tod von Getar. So nah liegt beides heute zusammen.
Unwillkürlich frage ich mich – wie so viele Menschen der Geschichte vor mir – wo bleibt Gottes Gerechtigkeit?
Nicht einmal ihren siebten Geburtstag im Februar durfte Getar noch erleben. Ich sehe vor mir ihren kleinen weißen Sarg. Und jenes wunderschöne Bild von ihr auf einem Ständer dahinter. Das hat Miss Oh schön rausgesucht.
Lebewohl Du mein kleines zartes Mädchen. Fast fünf Jahre habe ich Dein Leben immer wieder vom Spielfeldrand aus beobachtet. Kennenlernen durfte ich Dich nie, das soll kein Vorwurf sein, auch nicht an die Familie. Du warst mir viel näher als Du es je ahnen konntest. Jetzt trennt uns das Leben.
Mir kommt der Buchtitel „Mein verwundetes Herz“ in den Sinn. oder der Filmtitel „In weiter Ferne so nah“.
So viele Gedankenpfeile schießen durch meinen Kopf. So, als wollte ich mich an all das erinnern, was mich jemals mit Getar indirekt verbunden hat. Aufzeichnen, was vielleicht bald in mir verschwunden sein wird.
Wie es Anfing damals im April 2010. Als ich Miss OH über das Internet kennenlernte. Ich von ihren Zwillingsmädchen erfuhr. Getar und Cartoon. Und von den Schwierigkeiten die dieses eine Mädchen schultern musste: not walk, not hear. Da war sie zwei Jahre alt. Wo Miss OH für einen Sekundenbruchteil darüber räsonierte ob es besser wäre Getar…und dann sagte sie mehr zu sich…“not think…“. Man kann die Last nur erahnen, welches sie und ihre Familie von Anbeginn an zu schultern hatte. Nur Schmetterlinge haben ein leichtes Leben, sagte Andrej Tarkowski.
Getar hat nie einen Vogel zwitschern gehört. Nie ein Lied vernehmen können. Ihre Welt war klein dort in der Soi 13 Rama 2 in Bangkok. Ich wollte einmal dort hin während ich in Bangkok bin, nur sehen wo sie so lebt, etwas von ihrem Leben erspüren. Gemacht habe ich es nicht…
Wie durch eine Fügung habe ich versehentlich zwei Bilderrahmen gekauft. Den einen für den Geburtstag meines Vaters. Der andere kam heute an. Jetzt weiß ich wofür. Ich werde mir Bilder von Getar anfertigen lassen und den Rahmen dann im Wohnzimmer aufhängen. Vielleicht hat die leere Wand nur darauf gewartet. Manchmal braucht es Zeit im Leben und Geduld. Aber Lebenszeit hat nicht jeder gleich. Und Gesundheit auch nicht.
Ich habe Pläne gemacht mit ihr eine Bootsfahrt am Chao Praya River zu machen. Das Staunen über die Welt in den Augen eines kleinen Menschleins erleben. In den Dusit Zoo wollte ich, ihre neugierigen großen Augen sehen, wenn sie den Tieren zusieht. Oder in ein Schwimmbad gehen und einfach im Wasser plantschen. „Take Care Getar“ das war mein innerer Auftrag. Damals hatte ich den Entschluss gefasst, sollte es was mit mir und Miss OH werden, so beende ich eben den Triathlonsport. Das zeitlich nebeneinander zu schaffen wäre nicht möglich gewesen. Es kam dann schnell anders, denn die Beziehungspläne zerschlugen sich sehr rasch…
Dennoch traf ich Miss OH im November 2010 in Bangkok und wir verbrachten einen interessanten Tag miteinander. Wir irrten auf der Suche nach einem Spielzeug für Getar in mehreren Geschäften umher. Beim Abendessen „Hot Pot“ im damaligen World Trade Centre zeigte sie mir einen mich zutiefst berührenden Film von Getar. Darin war sie im Krankenhaus zu sehen, wie sie einen Kanüle im Arm mit dickem Verband trug und sich selbst irritiert über das „Ding“ da an ihrem Arm zeigte.
Viel ist dazwischen passiert, was ich vielleicht später einmal nachtragen werde.
Im November 2014 traf ich Miss OH zum bisher letzten Mal in Bangkok wieder. Wir gingen zum Lunch. Ich fragte sie wie immer viel zu Getar. Fragte auch, ob Getar nicht die Gebärdensprache lernen sollte. Das verneinte sie, undeutlich sagte sie was von „brain“, also das sie es wohl vom Verstand her nicht schaffen würde. Welcher geistigen und körperlichen Einschränkungen Getar faktisch exakt unterlag, weiß ich leider nicht.
Was ich aber sicher weiß, sie wurde von ihrer Familie sehr geliebt und unterstützt.
Das was mir Miss OH beschrieb beim Lunch und wie Getar auch auf den Bildern aussah, zeigte ein heranwachsendes Mädchen, was „sich macht“. Sie wuchs ordentlich und war ein hübsches Mädchen geworden.
Nach meiner Rückkehr im Dezember musste Getar ins Krankenhaus: Thrombozytopenie lautete die Diagnose. Sie musste länger als zunächst geplant dort bleiben, ca. 2 Wochen. Ende des Jahres sah ich wieder Bilder „gesund und munter“ von zu Hause von ihr.
Im Januar hatte ich keinen Kontakt.
Am Mittwoch schrieb ich über Line an Miss Oh und fragte mal wieder nach. Ich erhielt keine Antwort.
Bis heute morgen…“ It bad news…She not have life…She gone about 1 pm last night“