Eine reißerische Überschrift? Mitnichten. Fakt.
Endlich spricht ein Physiker (Prof. für Physikdidaktik) in einem Interview aus, was auch ich seit Jahren meinen Mitmenschen zu vermitteln versuche. Auszüge daraus:
“
…
André Bresges: Wir haben gesicherte Daten darüber, dass Geschwindigkeit im Autoverkehr der Killer Nummer eins ist. Die häufigste Unfallursache ist Linksabbiegen, aber dabei kommen nicht so viele Menschen ums Leben, weil das meist mit geringer Geschwindigkeit geschieht. Unfälle wegen hohen Tempos passieren nicht ganz so häufig, aber da sterben dann Menschen. Die kinetische Energie, die durch die Geschwindigkeit entsteht, tötet.
Wenn ich doppelt so schnell fahre wie erlaubt, dann speichere ich vier Mal mehr Energie mit dem Auto. Das heißt, mein Wagen ist dann vier Mal tödlicher als würde ich mit zulässiger Geschwindigkeit fahren.
Die Grenze zur Straftat ist beim Autofahren nicht so richtig sichtbar. Ist jemand an einem tödlichen Unfall schuld, wird das anders wahrgenommen, als wenn er mit einer Schusswaffe mordet. Ich sage: Da gibt es überhaupt keinen Unterschied. Die Statistik besagt eindeutig: Ein Auto ist fünf Mal gefährlicher als eine Schusswaffe. Von daher muss die Frage erlaubt sein: Warum werde ich hart bestraft, wenn ich mit einer Schusswaffe einen Laden betrete? Aber wenn ich mein Auto als Waffe benutze, weil ich es zum Beispiel deutlicher schneller als erlaubt in der Innenstadt bewege, wird das nur mit Punkten im Verkehrszentralregister und Bußgeld bestraft. Das sehe ich nicht ein.
Ich befürworte die damit verbundene Gleichstellung mit dem Schusswaffengebrauch.
Ich habe mit der Uniklinik Essen 2009 eine neurobiologische Forschung durchgeführt. Wir haben Menschen vor einen Fahrsimulator gesetzt und mittels funktionaler Magnet-Resonanz-Tomografie die Sauerstoffversorgung im Gehirn angeschaut. Da konnte man sehr schön sehen, wie die Selbstüberschätzung funktioniert. Zuerst ist alles aufregend, die Leute fahren bewusst, sie haben ein Gefühl für die räumliche Bewegung. Der entsprechende Teil des Gehirns ist stark aktiviert. Dann setzt der Prozess der Routine ein. Nach 20 Minuten wird die räumliche Wahrnehmung regelrecht abgeschaltet, diese Gehirnfunktion braucht nämlich sehr viel Sauerstoff und Energie. Das Gefühl, man fährt mit eineinhalb Tonnen Blech und 220 km/h, kommt nicht mehr beim Fahrer an. Das Gefühl für die Gefahr geht relativ schnell verloren. Es fühlt sich eher wie ein Computerspiel an, wie ein Kinofilm. Das sagt mir, dass der Mensch bei den Routinetätigkeiten im Auto entlastet werden muss. Dafür ist er nicht geschaffen.
Gerade junge Verkehrsteilnehmer haben am Anfang noch ein wenig Angst, merken aber nach einer Weile: Ach, geht doch! Ich kann mal 20 km/h zu schnell fahren und es passiert nichts. Und so weiter. Bei einem kleinen Anteil der Fahrer wird das zu einer Sucht. Gerade, wenn die Menschen die Grenzerfahrungen im Beruf, in der Liebe, im Sport oder anderswo nicht finden. Dann suchen sie ihre Grenzen zum Beispiel im Autoverkehr.
“
Das vollständige SZ Interview ist hier nachzulesen: