Die ewige Wut der Corona Gekränkten

Es ist sicherlich streitbar, ob Sasha Lobo in seiner Kolummne mit dem Begriff der „Gekränkten“ exakt das getroffen hat was solche Leute auszeichnet.

Das grundsätzliche Problem ist, dass einige der Meinung sind aus der Gegenwart und dem aktuellen Erkenntnisstand Aussagen darüber treffen zu können, was zu Zeitpunkten in der Vergangenheit falsch gemacht wurde. Das ist in etwa so, also würde ein Aktienkurs der letzten 3 Jahre betrachtet und jemand legt dann genau fest, wann die besten Einstiegszeitpunkte waren.

Meine These dazu: Die Expert*innen sind erschöpft, und da die Gefahr mehr oder weniger gebannt ist, haben sie sich zurückgezogen. Zurück bleiben die Schreihälse und erlangen diskursive Hegemonie.«

Aus der Epidemiologie bekannt geworden ist in den vergangenen Jahren das Präventionsparadox: Weil vorgesorgt wird, sind die sichtbaren Folgen weniger schlimm, weshalb die Vorsorge unsinnig erscheint oder prinzipiell angezweifelt wird.

Ein oft von Corona-Gekränkten verwendetes Beispiel betrifft die Impfung. Eine Zeit lang wurde kommuniziert, dass eine Impfung den Ausbruch der Krankheit sehr wahrscheinlich oder zumindest weitgehend verhindern kann. Das stimmt inzwischen nicht mehr in dieser Form, war zu dieser Zeit aber eben weder falsch noch irreführend. Denn dass auch Menschen mit Impfung krank werden können, ist im gegenwärtigen Ausmaß auch ein Produkt der Weiterentwicklung des Virus, also der Mutationen. Corona-Gekränkte fabulieren daraus die umfassende Sinnlosigkeit der Impfungen, aber selbst mit der Erkrankungsmöglichkeit für Geimpfte ist das falsch. In mehrfacher Hinsicht.

Kürzlich wurde in einer Studie  von Forschern aus Paris festgestellt, dass die Impfung die Schwere der Long-Covid-Symptome zu reduzieren scheint. Zahlreiche weitere Studien haben zudem gezeigt, dass Impfungen vor einer Corona-Erkrankung das Risiko für Long Covid senken. Und es ist unter anderem aus einer Untersuchung  eines Virologie-Teams der Universität Genf bekannt, dass bei mehreren Virusvarianten die Ansteckungsgefahr durch geboosterte Geimpfte geringer ist. Was die Impfungen völlig unbestreitbar zu einer sinnvollen Maßnahme gemacht hat, trotz der dokumentierten Nebenwirkungen.

Es geht dabei vielmehr um eine derzeit beliebte, rückwirkende Analyse, die mit dem Kenntnisstand von heute die politischen Entscheidungen, die Kommunikation der Wissenschaft und die publizistische Begleitung untersucht. Und dann völlig überraschend zu Erkenntnissen kommt, dass man heute im Detail anders entscheiden würde.

In der »Welt«, in der »Zeit« und auch hier auf SPIEGEL.de habe ich solche Einlassungen gelesen. Und ich finde sie problematisch, weil sie zu oft einen toxischen Mechanismus der Corona-Gekränkten bedienen: So zu tun, als hätte man vorher einberechnen müssen, was nachher geschehen ist. Als hätte etwa die Tatsache, dass ein Gericht eine Maßnahme gegen Corona als rechtswidrig beurteilt, gefälligst vorher berücksichtigt werden müssen. Oder als hätten öffentliche Aussagen von 2021 zum Coronavirus, der Erkrankung oder der Impfung gefälligst auch für alle folgenden Virusvarianten und Entwicklungen der Pandemie gültig sein müssen.