Der vergessene Völkermord – Das Massaker von Wola

  • Beitrags-Autor:
  • Beitrags-Kategorie:Politik / Privat

Ohne es beziffern zu können, das Massaker von Wola ist im kollektiven Gedächtnis der Deutschen nicht verhaftet. Aber es sollte so sein. Und es müsste so sein.

Die Geschichte rafft gerade die letzten lebenden Zeitzeugen jener schrecklichen Kriegstage dahin. Umso wichtiger erscheint es die Erinnerung wach zu halten, oder überhaupt erst auf historische Untaten aufmerksam zu machen.

Obwohl das Massaker von Wola mit geschätzten 50000 Toten mehr Menschenleben kostete als Babi Jar mit 33771 ermordeten Juden, ist es weit weniger bekannt.

Anfang 1944 begannen polnische Widerstandskämpfer zusammen mit der Bevölkerung von Warschau die deutschen Besatzer zu vertreiben. Die rote Armee war beständig auf dem Vormarsch und es war eigentlich nur eine Frage von kurzer Dauer, bis sie vor den Toren Warschaus auftauchen würde. Die Russen eilten jedoch nicht zur Hilfe und so mussten nach fast 2 monatigen Kämpfen die Polen unter dem Blutzoll von 200000 Toten der deutschen Übermacht Tribut zollen.

„Am 4. und 5. August 1944, kurz nach Ausbruch des Aufstands, verübten SS-Einheiten unter der Führung von Heinz Reinefarth ein Massaker. Die Einwohner zweier Straßenzüge in Warschau-Wola mussten ihre Wohnungen verlassen. Frauen, Kinder, Männer – sie alle mussten sich in den Hinterhöfen ihrer Häuser aufstellen. Dort wurden sie von den für ihre Brutalität bekannten Kaminski- und Dirlewanger-SS-Brigaden erschossen. Schätzungsweise 30.000 Menschen wurden so ermordet, manche Schätzungen gehen sogar von bis zu 50.000 Opfern aus.“

Hier werden zwei Namen erwähnt, die es weiter zu beleuchten gilt: Heinz Reinefarth und Oskar Dirlewanger.

Hier zunächst Auszüge aus einem Spiegel Artikel über Heinz Reinefarth aus dem Jahre 1962:

Der SS-General Reinefarth, der die Warschauer Operationen leitete und seit dem 5. August abends dem Bach -Zelewski unterstand, berief sich stets darauf,

er habe das Kommando am 5. August,

dem Hauptmordtag in Wola, noch nicht ausgeübt und

– die Häuptlinge Dirlewanger und Kaminski seien ihm, wenn überhaupt, erst nach dem 5. August unterstellt gewesen.

Diese Einlassungen hatte der Flensburger Oberstaatsanwalt Biermann nicht widerlegen können, als er 1958 gegen Reinefarth ermittelte. Am 1. Oktober 1958, gut drei Wochen vor der Landtagswahl, stellte er das Verfahren ein. Am 25. Oktober zog der außer Verfolgung gesetzte Held von Warschau und Westerland als Abgeordneter des BHE in das Kieler Landesparlament ein.“

Ja so war das mit den Kriegsverbrechern, nur wirklich wenige wurden jemals belangt und für ihre grauenhaften Tagen zur Verantwortung gezogen, auch Reinefarth blieb juristisch unbeheligt.

„Für seine Taten wurde Reinefarth nie belangt. Es gelang ihm im Gegenteil, in der Nachkriegszeit eine politische Karriere einzuschlagen, bei der er Abgeordneter des Schleswig-Holsteinischen Landtages und Bürgermeister von Westerland auf Sylt wurde.“

Nun zu Oscar Dirlewanger:

Innerhalb der NS Größen wurden die Männer Dirlewangers, die für die Massenexekutionen verantwortlich waren, als „Strolche“ bezeichnet. Welch scheuslige Verniedlichung.

„Die SS-Sonderformation Dirlewanger wurde auf Befehl des „Reichsführers SS“ Heinrich Himmlers 1940 im brandenburgischen Oranienburg aus Wilddieben aufgestellt. Ihr Kommandeur Oskar Dirlewanger, ein Kaufmannssohn aus Würzburg, war selbst innerhalb der SS verrufen. Der 1895 geborene Stoßtruppführer aus dem Ersten Weltkrieg und spätere Freikorpskämpfer galt als ein moderner Landsknecht. Als notorischer Trinker und Betrüger kam der promovierte Ökonom („Zur Kritik des Gedankens einer planmäßigen Leitung der Wirtschaft“) immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Wegen Unzucht mit einer 13-Jährigen wurde Dirlewanger 1934 zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt; kurz nach seiner Entlassung landete er wegen Veruntreuung erneut hinter Gittern.

Allerdings besaß Dirlewanger einen mächtigen Fürsprecher: Gottlob Berger, ein Kamerad aus dem Ersten Weltkrieg und ab 1939 Chef des SS-Hauptamtes. Berger sorgte dafür, dass sein Schützling nach der erneuten Verurteilung freikam und sich im Spanischen Bürgerkrieg in der „Legion Condor“ im Sinne der SS „bewähren“ konnte. Dirlewangers Truppe war eine marodierende Soldateska, die bei ihrem Einsatz im besetzten Polen eine breite Blutspur hinterließ. Der Gestapo-Chef von Lublin bezeichnete den Landsknechthaufen als eine „Landplage“. Als das SS- und Polizeigericht Krakau gegen Dirlewanger und seine Männer wegen Unterschlagung ermittelte, sorgte Berger dafür, dass die Einheit nach Weißrussland versetzt wurde. Im Kampf gegen Partisanen brannte die Truppe ganze Dörfer nieder, plünderte, vergewaltigte und mordete.

Für den SS-Chef war die Mörderbande ein ideales Instrument, um 1944 den Warschauer Aufstand niederzuschlagen. Am 1. August 1944 erhob sich die konspirative polnische „Heimatarmee“ gegen die deutschen Besatzer, um Polens Hauptstadt noch vor dem Einmarsch der nahenden Roten Armee zu befreien. Wehrmacht, SS und Polizei gingen daraufhin mit äußerster Brutalität gegen die Aufständischen wie die Zivilbevölkerung vor. Besonders in den ersten Augusttagen verübten die vom Höheren SS- und Polizeiführer Heinz Reinefarth kommandierten Verbände in den Warschauer Stadtteilen Wola und Ochota zahlreiche Massaker. Allein in Wola beteiligten sich Dirlewangers Männer an der Erschießung von schätzungsweise 30.000 Menschen.

Dirlewanger ist danach dann vom NS Generalgouverneur Hans Frank zu einem opulenten Festschmaus eingeladen worden.

Kein an den Massakern in Wola beteiligter Deutscher oder in deutschen Diensten stehender Soldat wurde nach dem Krieg in der Bundesrepublik Deutschland belangt. Das ist umso erstaunlicher, als der deutsche Militärhistoriker Hanns von Krannhals bereits 1964 feststellte, dass die Tatsache, dass Befehlshabende beim Wola-Massaker die Umsetzung ihrer Befehle mit eigenen Augen miterlebten, eine neue Dimension an Verantwortung für Kriegsverbrechen mit sich bringe.“