Breslau und Flucht – Erinnerungen des letzten Zeitzeugen

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Am Samstag den 13. Januar 2024 stand ein weiteres Mal um 10 h wie auch sonst ein Besuch bei unserem Onkel Manfred an.

Er übertrifft in seiner geistigen Klarheit kurz vor erreichen des 94. Geburtstages die meisten halb so alten Hohlbirnen dieser Tage.

In den vorangegangenen Beiträgen zu dieser Thematik hatte ich versucht den Chronologischen Ablauf der Flucht ein wenig zu erhellen. Das möchte ich nun weiterführen. Grundlage ist das folgende Schriftstück:

Nachdem dieser Berechtigungsschein frühestens am 21. Januar 1945 meiner Oma zugegangen sein kann kann auch die eigentlich Flucht nicht früher stattgefunden haben. Am 24. Januar sollte die Beerdigung meiner Uroma stattfinden, die bekanntlich nicht mehr unter Teilnahme der Familie stattfand. Daher ist der Fluchttag höchstwahrscheinlich der 22. oder 23. Januar. Es gab lt. Onkel Manfred auch nur die eine einzige Chance den Zug in Opperau zu nehmen, wäre diese Chance nicht wahrgenommen worden, wer weiss wie alles gekommen wäre bei den Zuständen in der Stadt.

Die Zugfahrt führte von Breslau wohl sehr langsam zunächst nach Löbau. Das liegt ca. 200 km westlich von Breslau. Görlitz liegt ca. 20 km östlich. Dresden wiederum liegt ca. 50 km weiter westlich.

In Löbau war ein Zwischenaufenthalt von mindestens einer Woche, genauer lässt sich das nicht mehr rekonstruieren. Untergebracht wurde mann in der örtlichen Irrenanstalt (so nannte mann solche Einrichtungen damals). Meine Recherchen ergaben, dass es in Grossschweidnitz südlich von Löbau eine Psychatrie gab.

Die Weiterfahrt ging dann nach Dresden. Onkel Manfred sagt, die Bombardierung von Dresden hätte er miterlebt (hier müssen wir noch einmal detaillierter Nachfragen was exakt er damit meinte: z.B. sie standen im Zug vor der Stadt oder sie waren in der Stadt selbst, was ich als unwahrscheinlich erachte). In der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 begann die Bombardierung und dauerte bis zum 15. Februar. Das zugrunde legend würde bedeuten, in Löbau waren sie ca. 2 Wochen.

Die genaue Fahrtstrecke lässt sich nicht mehr rekonstruieren, jedenfalls ging es nach Linz. Der Zug fuhr nur nachts um feindlichen Fliegerangriffen nicht ausgesetzt zu sein.

Vor Linz kam es zu einem außerplanmäßigen Halt, weil die Stadt bombardiert wurde.

25. FebruarSchwerster Bombenangriff gegen Linz. 900 Tonnen Bomben werden abgeworfen.

Das kann chronologisch sein, dann wäre die Fahrt von Dresden nach Linz mit ca. einer Woche zu kalkulieren.

In der Nähe von Linz wurde die Familie auf einem von zwei ledigen Bäuerinnen betriebenen Bauernhof untergebracht. Auf dem Bauernhof gab es zwei polnische Zwangsarbeiter, die Zugang zu den Vorräten hatten. Onkel Manfred entdeckte in einem der Ställe oben Schnapsflaschen. Da kam er auf die Idee, den Inhalt den Polen anzudienen und im Gegenzug dafür Mehl aus den verschlossenen Vorratsbehältern, für die aber die Polen die Schlüssel hatten, zu tauschen. In die dann leeren Schnapsflaschen füllte er Wasser und stellte die Flaschen wieder an die ursprüngliche Stelle.

Wohl auch in der Nähe von Linz befand sich ein Wehrmachtsdepot mit Lebensmitteln. Vermutlich zeitlich nach der Kapitulation am 08. Mai 1945 wurde dieses aufgelöst und die Bevölkerung durfte sich bedienen. Onkel Manfred und ein Freund von ihm waren zu Fuß aufgebrochen und dort vor Ort. Sie trauten ihren Augen nicht denn die Lebensmittel wurden teilw. auf Hängern und Wägen in großen Mengen abgefahren. Da wollten die Jungs sich auch ihren Anteil am Kuchen sichern und ergatterten eine Kiste mit Margarine. Also nicht ein kleines Päckchen, nein, eine schwere Kiste. Da diese nun aber unhandlich und zu schwer für den fußläufigen Transport zum Bauernhof war überlegten die beiden sich einen Plan. Der Freund sollte zurück zum Bauernhof und einen Leiterwagen holen. Um jedoch nicht weiter mit dem kostbaren Kistchen aufzufallen, versteckten sie den Schatz in einem der Getreidefelder, die Saat war bereits so hoch aufgegangen, dass es als Versteck gut dienen konnte.

Es dauerte seine Zeit bis der Freund samt seines Vaters zurückkam. Und weil Onkel Manfred nicht direkt die Kiste bewachte um nicht aufzufallen, war den beiden Jungs dann entfallen wo genau in welchem Getreidefeld und an welchem Platz genau die Kiste versteckt war. Da half dann auch der Vater des Freundes mit bei der Suche und hatte Glück. Er fand sie tatsächlich. Aber listig wie er war verlangte er nun von Onkel Manfred den gebührenden Finderlohn, nämlich die Hälfte des Anteils. Somit blieb ihm dann nur noch 1/4 vom Inhalt.

Dennoch war er mit dem Fund der Margarine und dem zuvor organisiertem Mehl sicher eine ausgezeichnete willkommene Hilfe für die Familie in den kargen Zeiten. Die Älteren wissen noch was eine Mehlsuppe ist.

Der Flüchtlingspass zeigt folgenden Eintrag:

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Der Ort Wippenham/Ried ist 90 km westlich von Linz und 50 km südlich von Passau. Möglicherweise ist dies der Aufenthaltszeitraum auf dem Bauernhof. Der würde dann gar nicht mal so nahe bei Linz liegen wie gedacht. Müssen wir beim nächsten Treffen nochmals thematisieren.

Vermutlich noch im August 1945 ging es dann weiter mit dem Zug zum von meinem Opa vorher (also in Kriegszeiten in Breslau) vereinbarten Treffpunkt in Stuttgart (mein Opa hatte im Krieg einen Kameraden kennengelernt, mit dem er diesen Ort als möglichen Treffpunkt absprach). Der Zug konnte aber nur bis Augsburg fahren und die Fahrt wurde dann auf der offenen Ladefläche eines LKW fortgesetzt. Stehend mit Kinderwagen und den Rucksäcken. Neben den beiden Jungs trug auch meine Oma bei der Flucht einen Rucksack. Dazu schob sich auch noch den Kinderwagen der auch vollgepackt war.

Der Aufenthalt in Stuttgart war wohl nur wenige Tage, Opa war in Kriegsgefangenschaft geraten und nicht dort. Es ging dann weiter nach Illenschwang, wo die Bauern alle eine Stube für die Flüchtlinge abgeben mussten. Vermutlich erreichte die Familie Illenschwang irgendwann im August/September 1945. Hausnummer war dann 29. Es geschah aber alles sehr widerwillig von den Bauern dort. In Hutschdorf zeigte sich diese Widerwilligkeit, indem der örtliche Schreiner einfach Särge in Zimmer stellte und diese somit als „belegt“ kennzeichnete.