Breslau – Erinnerungen des letzten Zeitzeugen

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Bereits im Oktober habe ich der Thematik „Flucht aus Breslau“ einen Beitrag gewidmet.

Am letzten Samtag den 16. Dezember 2023 war es dann wieder soweit und ein Besuch bei Onkel Manfred in Forchheim stand an. Wieder gelangten Details ans Tageslicht, die dokumentiert werden sollen, damit diese nicht in Vergessenheit geraten, den diese Generation stirbt gerade langsam, sicher und beständig aus.

Hier einige ggf. unzusammenhängende Informationen.

Die Schule in Breslau in die Onkel Manfred und später dann auch Onkel Klaus gingen war in drei Gebäude aufteilt, so groß war die Schule. Der linke Teilbereich war für alle katholischen Kinder. Der mittlere Bereich für alle evangelischen Mädchen und rechts war das Gebäude für alle evangelischen Jungs. Am Areal gab es eine große Sportanlage mit Laufbahn, Sprunggrube etc. Schwimmen hat Onkel Manfred in der Schule gelernt.

Was im Besitz von Onkel Manfred ist und bislang nicht bekannt war ist das Stammbuch der Familie Irrgang, also das Buch meiner Urgroßeltern.

Dadurch lassen sich die Eheschließung und die Geburten der 4 Kinder exakt nachvollziehen.

Was ebenfalls dokumentiert ist und enorm hilft die Chronologie der Flucht enger einzugrenzen ist die Sterbeurkunde von Frieda Irrgang, also der Mutter meiner Oma und von Onkel Manfred und Klaus.

Mehrere Informationen gehen aus der Urkunde hervor die relevant sind:

Der Todestag war der 13. Januar 1945, gestorben ist sie in Bad Reinerz. Die Eintragung erfolgte am 15. Januar 1945. Der Tag der Beerdigung sollte der 24. Januar sein. Somit lässt sich der exakte Tag der Flucht auf den Zeitraum 16-23. Januar 1945 eingrenzen, den die Beerdigung fand nicht mehr statt. Da der Evakuierungsbefehl vorlag und existiert und der basierend auf der Aufforderung von Gauleiter Hanke am 20. Januar die Stadt zu verlassen (die nicht wehrtaugliche Bevölkerung) ausgestellt wurde, dürfte der Tag der Flucht noch enger, somit auf den 21-23. Januar 1945 einzugrenzen sein.

Bad Reinerz, heute Duszniki-Zdrój, liegt 110 Kilometer südwestlich von Breslau im Gebirge. Der Ort zählt zu den ältesten Kurheilbädern Niederschlesiens. Anfang des 20. Jahrhunderts zählte er zu den bedeutestden Herzheilbädern Europas.

Meine Urgroßmutter erkrankte 1944 an einer Rippenfellentzündung. Nach bereits überstandener Krankheit wurde sie nach Bad Reinerz zur Erholung/Kur gesandt. Die näheren Umstände ihres Todes sind nicht bekannt. Onkel Manfred vermutet, der Tod war kein natürlicher, sondern es wurde mit einer Tablette oder Spritze nachgeholfen. Eine ähnliche These hat früher schon Tante Schmidt, also die die Frau von Onkel Schmidt geäussert. Ich habe recherchiert, ob es historische Quellen gibt, die in Zusammenhang mit ungeklärten Todesfällen im Kurzentrum Bad Reinerz im relevanten Zeitraum stehen aber nichts gefunden. Es wurden Leichen mit dem Güterzug aus Bad Reinerz nach Breslau gebracht, was wohl auffällig viele waren.

Kurzer Exkurs: in Bielitz, dem Heimatort meines Vaters hat mann sich aufgrund der geografischen Nähe zu Auschwitz bedingt mit einem zumindest Teilwissen zugeraunt, dass die Juden dort durch den Schornstein fliegen.

Die Fahrt nach Bad Reinerz von Breslau aus dauerte damals sicher mehrere Stunden. Vermutlich musste in Glatz umgestiegen werden. Wie ich bereits im letzten Beitrag zur Thematik schrieb, Joachim wurde im Januar 1945 aus dem Heim geholt und war damals noch nicht ganz 5 Jahre alt. Um die Beerdigung zu organisieren bzw. natürlich auch um Abschied zu nehmen fuhren meine Oma zusammen mit der Schmidts Tante, Manfred und Klaus nach Bad Reinerz. Für Onkel Klaus ein bis heute traumatisches Erlebnis war jener Anblick der toten Mutter. Joachim und meine Mutter blieben in Breslau, wer auf die beiden aufpasste lässt sich nicht mehr klären, evtl. eine Nachbarin oder ein sonstiger Verwandter. Erinnern möchte ich auch nochmals an die Witterungsverhältnisse, es herrschten strenger Frost und es lag Schnee.

Der Schmidts Onkel hatte sich am Stadtrand von Breslau in einem Wohnviertel mit einem slavischen Namen ein Haus gebaut. Dieses beeinhaltete einen unterirdischen Schutzraum mit entsprechender Infrastruktur wie Wasserversorgung. Somit kann geschlussfolgert werden, er war für damalige Verhältnisse bereits wohlhabend und konnte daran relativ nahtlos im Westen anknüpfen. Seine Flucht nach Forchheim als Zielort kam dadurch zustande, dass seine Dachdeckerfirma in Breslau einen Lieferanten von Dachpappe in Bamberg hatte und er somit einen regionalen Punkt hatte, an den er andocken konnte. Onkel Schmidt selbst stammt aus einfachen Verhältnissen, sein Vater war lt. Aussage von Onkel Manfred einfacher Taglöhner. Im 2. Weltkrieg war er lt. eigenen Erzählungen gefühlt an vorderster Front, tatsächlich aber wohl im rückwärtigen Bereich beim Nachschub eingesetzt. Tante Schmidt war die Schwester von Frieda Sachs, also meiner Urgroßmutter.

Hier noch eine Dokumentation über Kinder des Krieges: