Seit vielen Jahren Pflege ich die Hinweise auf die aggressive und unfallträchtige Fahrweise auf deutschen Straßen.
Interessant ist, dass jetzt ein Fahrlehrer meine Thesen vollumfänglich bestätigt.
Der ganze Artikel ist eine Pflichtlektüre:
Holtmann: Die Verbesserungen lagen vor allem an der Fahrzeugtechnik, zum Beispiel an Airbags und Assistenzsystemen. Aber die wichtigste Ursache für Unfälle ist vernachlässigt worden.
SPIEGEL ONLINE: Nämlich?
Holtmann: Die Autofahrer sind verantwortungslos. Als Fahrlehrer erlebe ich, dass die Leute immer aggressiver fahren. Im Verkehr kämpft jeder gegen jeden.
SPIEGEL ONLINE: Warum verhalten sich Menschen im Auto so aggressiv?
Holtmann: Dort fühlen sie sich weniger angreifbar.
SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?
Holtmann: Das Auto verleiht Anonymität. An der Supermarktkasse würde man eher nicht drängeln, selbst wenn man unter Zeitdruck steht – aus Angst vor den unmittelbaren Reaktionen. Im Straßenverkehr wird dagegen dauernd gedrängelt. Man ist abgeschottet.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben sogenannte Fahreignungsseminare geleitet. Dort wurden Verkehrssünder auf Anordnung der Behörden hingeschickt. Welcher Typ Autofahrer begegnete Ihnen am häufigsten?
Holtmann: Die beruflichen Vielfahrer, also Taxi- und Busfahrer oder Vertreter und Außendienstmitarbeiter. Klar: Wer viel fährt, kann auch häufiger auffällig werden. Aber diese Leute fuhren vor allem wegen des Termindrucks ständig zu schnell und zu riskant.
SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie mit ihnen in den Kursen gemacht?
Holtmann: Sie miteinander ins Gespräch gebracht. Im besten Fall kamen sie dann von selbst darauf, dass es sinnvoller ist, fünf Minuten früher loszufahren als unterwegs durch riskantes Überholen Zeit zu gewinnen. Beobachtungsfahrten halfen auch.
SPIEGEL ONLINE: Wie liefen die Fahrten ab?
Holtmann: Ein Teilnehmer fuhr, ich saß daneben und zwei andere Teilnehmer begleiteten uns. Manche sagten dem Fahrer danach, dass sie bei ihm nicht wieder ins Auto steigen würden. Dieses Feedback bringt viel mehr als Kritik vom Fahrlehrer.
SPIEGEL ONLINE: Wie könnten mehr Autofahrer für die Risiken ihres Handelns sensibilisiert werden?
Holtmann: Im Schnitt sterben in Deutschland täglich zehn Menschen bei Verkehrsunfällen, die Ursachen sind häufig zu schnelles Fahren und Unaufmerksamkeit. Das muss von Politik und Medien häufiger thematisiert werden. Früher gab es die Sendung „Der 7. Sinn“ – so eine Verkehrserziehung wäre wieder nötig. In moderner Form natürlich. Die alte Sendung war ja oft etwas frauenfeindlich.
SPIEGEL ONLINE: Der ehemalige Verkehrsminister Peter Ramsauer hatte die gleiche Idee, er wollte „Der 7. Sinn“ wieder ins Programm bringen.
Holtmann: Ja, leider ist nichts daraus geworden. Ich habe mich mal mit dem Moderator einer bekannten Autoshow unterhalten und ihm vorgeschlagen, dieses Thema aufzugreifen.
SPIEGEL ONLINE: Was hat er geantwortet?
Holtmann: Dass es die Zuschauer nicht interessiert. ‚Die wollen sehen, wie man mit dem Bentley mit 320 Sachen auf der Autobahn fahren kann‘, sagte er. Dass das gefährlich ist, wollen die Leute nicht hören.
SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben in Ihrem Buch „Ein Fahrlehrer packt richtig aus!“ eine Szene aus einer TV-Sendung: Der Moderator Jörg Pilawa sagt, wer keine Punkte in Flensburg habe, „hat entweder viel Glück gehabt oder ist ein Verkehrshindernis“.
Holtmann: Ja, das zeugt von völliger Unkenntnis. Die ARD hat mir auf Anfrage mitgeteilt, dass Herr Pilawa hier halt etwas flapsig gewesen sei. Aber für Leute, die sich im Verkehr regelkonform verhalten, sind solche Äußerungen eine Beleidigung.
SPIEGEL ONLINE: Sie klingen etwas verzweifelt.
Holtmann: Ja, ich hoffe, dass es künftig mehr Aufklärung gibt und das Risikobewusstsein der Autofahrer wächst.
SPIEGEL ONLINE: Werden Fahrlehrer gut genug ausgebildet?
Holtmann: Die Ausbildung ist nicht mehr zeitgemäß. Ein paar Monate Theorieübungen, dann ein Praktikum in einer Fahrschule, und schon hat man die Qualifikation zum Fahrlehrer. Das müsste zwei Jahr dauern, wie bei einem anerkannten Lehrberuf. Davon würden vor allem auch die Fahrschüler profitieren und es würde die Sicherheit im Straßenverkehr fördern.
SPIEGEL ONLINE: Welcher Teil der Fahrlehrerausbildung sollten Ihrer Meinung nach ausgebaut werden?
Holtmann: Die Pädagogik. Die Fähigkeit, Menschen etwas beizubringen. Wie man über Einsicht eine Veränderung erreicht. Das wird momentan noch stark vernachlässigt.
SPIEGEL ONLINE: Viele Fahrzeughersteller entwickeln derzeit selbstfahrende Autos. Werden Fahrlehrer damit überflüssig?
Holtmann: Ja. Aber so weit sind wir vielleicht in 20 oder 30 Jahren. Ich bin dann in Rente. Wenn die Technik den Autofahrern die Verantwortung abnimmt, gibt es garantiert weniger Unfälle.“
Sehr interessant sind die beiden Grafiken in dem Artikel. So zeigt die Grafik über die Anzahl der Verkehrsunfälle eindeutlig, dass diese Zahl in den letzten 25 Jahren eben nicht rückläufig ist. Alle Technik hilft nicht die Unfälle zu vermeiden, weil diese überwiegend vom Faktor Mensch verursacht werden. Die Technik hilft eben nur die Anzahl der Verkehrstoten zu reduzieren. Mehr Hirn im Verkehr würde eindeutig zu geringeren Unfallzahlen führen.