Es wird ein langer Bericht werden, der alles werden wird nur nicht langweilig. Am Besten ich berichte erstmal chronologisch und füge dann noch einige Mosaiksteinchen bei.
Sonntag 31.07.2016:
3:40 h: Mein Wecker ömmelt. Der Himmel ist klar, 17 Grad warm und ich starte meinen Tag des Jahres mit einem Frühstück (2 Tassen Kaffee, 2 Muffins, eine Scheibe Brot mit Nuss-Nougat Creme). Trinkflaschen präparieren (3 Esslöffel Powerbar Isoplörre; offiziell auf 500 ml, von mir als Sparbrötchen auf 750 ml verdünnt; in die zweite Trinkflasche ein Gel zusätzlich reingedrückt), Sonnencreme auftragen, dazu Melkfett applizieren (Achtung: Stellen nicht miteinander verwechseln)
4:15 h: Sechs Zylinder heulen auf und ich brause auf der A3 Richtung Regensburg. Der Himmel Richtung Regensburg lässt nichts gutes erahnen. Schwarze Wolken kündigen ganz offensichtlich nicht den strahlenden Sonnenaufgang an. Kurz nach Wörth fängt es an zu regnen. Ich pflege den Optimismus und rede mir ein, wenn es jetzt runterkommt dann kommt es nicht während der Tour.
In Regensburg angekommen regnet es nicht mehr und der Himmel klart wieder ein wenig auf. Nur Nass ist es. Schade um mein hochglanzpoliertes Rad bei nassen Straßen.
6:00 h Start von Tour A. Also meiner Tour. Ich reihe mich am Ende ein, wie vorab ausgeknobelt. Es ist mit 18 Grad nicht zu kalt. Mein schwarzes Funktionshirt und dem kurzen Karlsfeld Radtrikot zusammen mit den passenden Armlingen sind perfekt. Dazu die K-Swiss Radhose.
Die ersten 30 Minuten geht es flach, danach geht es aufwärts. Eigentlich passt alles. Bis es zu tröpfeln anfängt. Aber nicht doch. Warum bereits nach 40 Minuten Fahrtzeit?
Die nasse Fahrbahn erschwert etwas die Taktik sich ans Hinterrad irgend eines anderen Fahrers zu klemmen, weil dieser stets Wasser mit dem Hinterrad aufwirbelt. Wobei, im Rückblick war die Straße zu diesem Zeitpunkt allenfalls feucht, ich lasse mir Steigerungen im Bericht bewusst offen.
Es hörte dann auch wieder auf zu regnen. Erwähnenswert sind dann noch zwei Boxenstops auf dem Weg nach Cham. Die Nässe drückt wohl übermäßig auf die Blase?
Die erste Rast in Cham erreichte ich nach 2:04 h (57 Kilometer). Ein Blick nach Norden zeigte eine grummelige schwarze Wand aus der schon Getöse zu hören war. Da die Weiterfahrt nach Osten ging hoffte ich dem Gewitter mit einer kurzen Rast zu entfleuchen. Das schwarze wurde durch das graue Gewölk ersetzt und in dem nun folgenden Abschnitt bin ich die einzige Phase des Tages wirklich in einer Gruppe gefahren.
In Bad Kötzing hätte die Option bestanden, auf die bewährte 175 km Runde abzubiegen. Tat ich aber nicht. Hier hatte es offensichtlich vor kurzem mehr geregnet, die Straßen waren naß.
Wie bereits erwähnt: ich hatte entweder die Option im Windschatten Kräfte zu sparen, unter inkaufnahme von Wasser und Dreck oder etwas Abstand zu halten aber wenig zu profitieren. Teilweise fuhr ich versetzt Richtung Fahrbahnmitte um ein wenig trockener voranzukommen.
Ein weiterer Boxenstop liess mich dann diese Gruppe abreissen.
Jetzt lugte zum ersten Mal an diesem Tag die Sonne heraus und zaubere ein fantastisches Bild: es ging leicht eine Senke hinab und das von schräg links vorn kommende Sonnenlicht ließ die Wasserfontänen von ca. einem Dutzend Radfahrern vor mir in der Luft erstrahlen. Klick. Gespeichert.
Lahm, Lohberg und dann sollte es zum Aufgalopp Richtung Arber gehen.
Am Ortsende von Lohberg sah ich rechts an einer kleinen Mauer einen Kameraden sein Rad flicken. Was für ein armer Tropf…pffff….pffff…und maximal 5 Sekunden später war auch meinem Vorderrad die Puste ausgegangen.
Ich rollte dann meine Kiste zu eben jenem Kameraden und er hatte exakt an der gleichen Stelle auch in kurzen Sekunden einen Platten.
Ziemlich exakt 3:30 h waren zu diesem Zeitpunkt vergangen. Also routiniert das Pannenspray ausgepackt, verschraubungen gecheckt (so oft übe ich das auch nicht…) und dann rein mit der Soße. Aber es tat sich: nix…gar nix…
Also dann eben das volle Programm. Ich schob das Rad ein paar Meter retour bis zur Einfahrt eines Gasthofes (Wastl ??). Dort war es eben. Trinkflaschen raus, die Utensilien aus der Satteltasche geholt, Vorderrad ausgebaut, Mantel von der Felge, Schlauch raus, neuen Schlauch rein.
Dann kam mir die Idee im Gasthaus zu fragen ob eine Luftpumpe vorhanden wäre um meine Kartusche zu schonen. Die ältere Dame in der Küche hatte aber keine. Bevor ich dann pusten wollte checkte ich den Mantel und stellte eine relativ große Schnittstelle fest. Das wird wohl mit dem Mantel nichts mehr.
Glücklicherweise hatte ich den Zettel mit den Notfallnummern eingesteckt. Aber Eplus Netzt war dort E minus. Dann bin ich wieder zur Wirtin und habe von dort den Pannenservice angefunkt. Er sei in Bad Kötzing, es könne etwas dauern.
Das Stadler Töf Töf kam dann vielleicht ca. 20 Minuten später an. Mir wurde ein neuer Mantel verkauft, routiniert montiert und aufgepumpt.
Während der Warterei kamen nurmehr vereinzelt Fahrer vorbei. Es sah stark nach Feldende aus. Na ja, das war ich als Triathlet jahrelang nach dem Schwimmen gewohnt.
Insgesamt dürfte der Stop dort knapp unter einer Stunde gedauert haben.
Das positive: die Sonne war da und die Straße mittlerweile trocken. Hurra. Es ging jetzt aufwärts. 7 km nonstop. Ich kurbelte und holte auch rasch ein paar Radler ein. Dann blieb ich jedoch hinter einem bis Brennes, weil ich taktischerweise nicht zu forsch fahren wollte (nur nicht alles an Kraft verballern).
Die Überlegung war noch, oben bei Brennes abzukürzen und direkt zum Arbersee rüberzufahren und nicht erst hinunter nach Bayerisch Eisenstein und über Regenhütte zu juckeln (So war die ursprüngliche Route wie sie wohl Rudi damals gefahren ist). Aber das wäre natürlich nicht die „richtige“ Radmarathonstrecke und ein Makel wäre wohl immer an meinen Reifen kleben geblieben. Außerdem hätte ich keine Verpflegung mehr bis Kolmberg gehabt. Und überhaupt: 7 Monate Training, wann gibt es die nächste Chance…
Also gut: 7 km Abfahrt hinunter nach Bayerisch Eisenstein. Kurz davor fing es überraschenderweise wieder an zu regnen. Was allerdings jetzt nicht mehr zu befürchten war, war der Umstand, von einem anderen Radler ungebührlich benässt zu werden. Es war schlicht keiner da. Ich juckelte das schöne schnelle Teilstück bis Regenhütte hinab und gesellte mich dort zu den relativ wenigen verbliebenen anderen Radlern.
Regenhütte: 120 km, 4:32 h Fahrzeit
Am nun folgenden Aufstieg nach Bretterschachten (1120 m) holte ich stetig Radler ein und überholte relativ viele. Kurz vor dem höchsten Punkt begann es nun aber richtig zu regnen. Rechts der Straße standen schon einige in einem Untestand und schienen abwarten zu wollen. Ich überlegte 0,6 Sekunden und entschied mich abzufahren, natürlich in der steten Hoffnung dem schönen Wetter entgegenzufahren.
Die Abfahrt war ob ihrer Länge, der Wassermassen und der Steilheit nicht für zart besaitete. An mir schoß ein Tandem vorbei und wenn die einen Abflug irgendwo gemacht hätten, es wäre keine Überraschung für mich gewesen.
Unten mit freierer Sicht war von Wetterbesserung nichts aber auch gar nichts zu sehen. Bäche von Wasser auf der Strasse, Nasses von oben und ich mittendrin. Egal, weiter, irgendwie. Eigentlich wäre das jetzt eine Passage für Kette rechts. Aber Pustekuchen, ich bremste ich den meisten Fällen, wo ich bei trockner Straße im Peloton sicher 50+ hätte fahren können.
Es hatte etwas leicht surreales, sich durch ein solches Wasserinferno auf zwei kleinen schmalen Reifen zu mäandern. Es gab nur schlicht keine Alternative. Jedenfalls keine, die mir ins Kleinhirn schoss.
Nach Arnbruck zweigt die Strecke links nach Viechtach ab und es geht wieder bergan. Dort fuhr ich an einem Radler vorbei, der mir zu meinem schönen Rad gratulierte. War schon naheliegend nicht immer über das Wetter zu philosophieren… 😉
Dann wieder Abfahrt nach Viechtach. Wieder viel langsamer als ich gekonnt hätte….hätte hätte Fahrradkette…die hatte schon lange keine Schmierung mehr.
Irgendwann wunderte ich mich selbst, dass die Schaltung und die Bremsen überhaupt noch so gut und reibungslos funktionierten. Wobei die Hinterradbremse schon viel Belag verschlissen hatte, das merkte ich an der Zuglänge.
Den Anstieg nach Kolmberg fuhr ich meistenteils mit einem Radler aus Freising, der am Vortag mit dem Rad von dort anreiste und Montag dorthin wieder zurückfuhr.
Kolmberg, Verpflegunsstelle 3: 6:52 h, Kilometerstand unbekannt
Jetzt noch Maibrunn, dann war es fast mit den Anstiegen geschafft. Diesen Horror vor Maibrunn kann ich nicht ganz nachvollziehen, bei mir lief es immer noch prächtig. Es regnete auch nicht mehr. Die nach Maibrunn folgende lange Abfahrt bin ich wieder bewusst konservativ angegangen.
Trocken in Regensburg ankommen war so ein Gedanke der mir kam. Sagte der Wetterbericht nicht für den Nachmittag besseres Wetter voraus?
In Ascha dann nochmal Bedarfshalt. Es waren wie gehabt allenfalls vereinzelt Fahrer unterwegs. So leer habe ich die Rastplätze in Kolmberg und Saulburg noch nicht erlebt.
Saulburg: 204 Km, Zeit unbekannt?
Ich trocknete auch so langsam ab, obenrum jedenfalls, die Puschen waren eigentlich den ganzen Tag lang Kneippgebiet. Offensichtlich hatte ich auch noch genug Saft um den Hahn ein wenig zu öffnen und im Bereich um die 35 km/h im Flachen zu fahren.
Fast wäre es noch gut ausgegangen, aber 20 Kilometer vor dem Ziel fing es wieder wie aus Eimern zu schütten an. Egal jetzt, nur noch ankommen. Das Wasser stand auf der Straße, Autos die überholten spritzten Fontänen seitlich auf die Radler ab. Vor mir fuhren 3 andere und ich blieb bei meiner Abstandstaktik, obwohl es da völlig wurscht gewesen wäre auch von vorne direkt einem zusätzlichen Wasserstrahl abzubekommen. Vermutlich wäre an der parallel entlangführenden Donau die Wasserskifahrt trockener vonstatten gegangen.
Und dann kam Regensburg, der Dultplatz und das Ziel.
243,8 Kilometer, Fahrtzeit 9:27 h, Schnitt 25,8 km/h
Verpflegung: 2 Trinkflaschen a 0,75 Liter + ein Becher Cola und ein wenig aus der wiederaufgefüllten Flasche, insgesamt ca. 1,9 Liter
4 zusätzliche Gels (Eigenverpflegung), an den Verpflegungstellen insgesamt 2 Riegel, paar Kuchenstücke, paar Kekse
Kalt war mir erst im Ziel. Erwartet hatte ich es anders, ich dachte durch den Regen, die patschnasse Kleidung und die Fahrerei würde ich stark auskühlen. Wieder was gelernt. Vielleicht war es aber auch so ein inneres Überlebensprogramm was warm hält?
Im Ziel habe ich dann meine Schulden für den Fahrradmantel beim Stadler Zelt bezahlt: 25 Euro plus 5 Euro Trinkgeld. Und mein Trikot abgeholt, in einer Tütü Farbe, die allenfalls für den nächsten CSD geeignet ist.
Wenn ich dereinst einmal auf mein Leben zurückblicken werde, so bin ich davon überzeugt, jener Sonntagsausflug anno 2016 beim Arber Radmarathon wird mir stets innerlich präsent bleiben.
Übrigens hatte ich zu keiner Zeit der Fahrt das Gefühl, ich hätte nicht genug Kraft oder Kondition. Es tat mir auch nicht der Hintern weh. Wohl aber der Oberarm und Schulterbereich, weil ich da sehr verkrampft war und auch wenig Wechselpositionen einnahm.
Auch am Tag danach war von Muskelkater nichts zu spüren.
Hier noch ein Zeitungsbericht:
Und eine Bilderserie: