Andrej Tarkowskij: Buch

Er ist ein Unbekannter geblieben unter den ganz Großen. Auch wenn sein Werk von seinem ersten Kinofilm an bewundert und ausgezeichnet wurde: Andrej Tarkowski ist nie in den Cinedoms dieser Welt angekommen. Dafür ist sein Werk dann doch zu rätselhaft geblieben.

Der Verlag Schirmer/Mosel zeigt nun mehr als 25 Jahre nach Tarkowskis Tod dessen Werk und Leben in einer noch nie dagewesenen Vollständigkeit. Die Film-Stills aus seinem Werk, endlich in Ruhe betrachtet: Glaubensbekenntnisse eines Wahrheitssuchers. Sie fügen sich zu einem Ganzen zusammen, das ein tiefes Verständnis von Tarkowskis Werk erlaubt, von seiner Haltung, seinem spirituellen Weltzugang. Der Verlag hat in Zusammenarbeit mit Tarkowskis Sohn Andrej private Aufnahmen zu einem Familienalbum zusammengestellt. Sie werden ergänzt von Polaroids, die der Filmemacher von seiner Familie, seiner Heimat und am Set gemacht hat.

Das vorliegende Buch ergänzt diese Dokumente um Schreiben an Tarkowski und um Texte über ihn – Stimmen seiner Begleiter und prominenter Bewunderer. Darunter Sartre, der den Filmemacher leidenschaftlich verteidigt, als „Ivans Kindheit“ 1962 in den italienischen Zeitungen in die Kritik gerät. Diese und auch die autobiografischen Texte runden das Gefüge ab. Allein, man hätte sich gewünscht, dass in dem Ganzen mehr Raum für die Hintergründe der Filmwerdung gewesen wäre, für die oft verzweifelte Arbeit des Regisseurs an seinem Werk.

Die rätselhaften Bilder einer rätselhaften Welt

Denn grob gesagt: Tarkowskis Filme handeln nicht wirklich von etwas. Dennoch zeigen sie fast alles: „Das Unendliche kann man nicht materialisieren“, so Tarkowski, „man kann nur dessen Illusion, dessen Bild schaffen.“ Und wenn es eine rätselhafte Welt ist, so sei auch das Bild von ihr rätselhaft. Das klingt nach beinhartem Arthouse-Stuff, ist aber eigentlich ganz einfach. Man muss nur loslassen können vom ewigen Verstehenwollen. Wovon wird in „Stalker“ erzählt, in „Solaris“? Das könnte in einem Satz gesagt werden. Aber genauso gut kann man es verschweigen, denn der Science-Fiction-Plot ist in „Solaris“ ohne Bedeutung, die abenteuerliche Geschichte in „Stalker“ nur Vorwand. Worum es wirklich geht? Um das Ganze. Um das Geheimnis des Menschen.

Tarkowski hat immer gekämpft. Gegen die Zensur, gegen die Kameramänner, das Filmmaterial. Die lange Szene in seinem letzten Film, das „Opfer“, in der das Haus verbrennt, sie musste wiederholt werden, weil die Kamera defekt war. Es gab noch vorhandenes Material, das reichte Tarkowski nicht. Seine Mitarbeiter müssen verrückt geworden sein, als er nach einem komplett neuen Haus verlangte. Vielleicht, weil es immer ein Kampf war, ist das Werk Tarkowskis von dieser tiefen Ernsthaftigkeit geprägt, die uns heute so fremd erscheinen mag.

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Natürlich brauchen die Filme Tarkowskis Zeit, sich zu entfalten, drei Stunden Laufzeit sind die Regel. Insofern passen seine Filme hervorragend zu den Entschleunigungsszenarien, die aktuell überall entworfen werden. Lars von Trier behauptet, den „Spiegel“ dennoch 30-mal gesehen zu haben. Er tut das wahrscheinlich, weil es ein Genuss ist für ihn. Und ein einzigartiger Erkenntnisgewinn obendrein. Ein Gegenentwurf zum Hollywood-Groß-Kino.

Ingmar Bergmann, der andere große europäische Autorenfilmer, hat Tarkowski bewundert, hielt ihn für den Größten. Weil er das Kino zu einem großen Traum gemacht habe. Tarkowski stellt sich mit seinen Filmen gegen die Technokraten, die Rationalisten. Seine Filme sind daher nicht im herkömmlichen Sinne zu „verstehen“, auch ist er kein Erklärer und schon gar kein Welterklärer. So betrachtet sind seine Filme ganz einfach. Einfach schön. Überwältigend. Atemberaubend. Wenn man sich denn darauf einlässt. Auf die Langsamkeit und den Fluss der Bilder.

Das monumentale Buch wird dem Filmemacher auf eine wunderbare Weise gerecht. Es ist eine Einladung und eine Vorlage für alle, die sich trauen, es auch mal mit der ganz großen Kunst zu versuchen.“

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